"Das letzte Detektivspiel" - Eine Geschichte von Shalini Bhatia - Young Circle

«Das letzte Detektivspiel» – Eine Geschichte von Shalini Bhatia

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«Das letzte Detektivspiel» – Eine Geschichte von Shalini Bhatia

Als Lottie ihre beste Freundin besuchen will, reagiert Juna plötzlich panisch und schickt sie weg. Verwirrt versucht Lottie herauszufinden, was passiert ist. Doch je mehr Erinnerungen zurückkehren, desto klarer wird eine schreckliche Wahrheit: Manchmal merkt man erst zu spät, dass man längst nicht mehr zu den Lebenden gehört.

Es gibt Momente, in denen man spürt, dass etwas nicht stimmt, auch wenn alles normal aussieht. Lottie hat heute zum ersten Mal so einen Moment erlebt. Wie sonst immer lief sie zum Haus ihrer besten Freundin Juna. Die beiden waren schon seit der Geburt die allerengsten Freundinnen. Sie hatten früher zusammen im Sandkasten gespielt und unendliche Übernachtungen gehabt. Umso größer war der Schock für Lottie, als Juna beim Anblick von ihr bleich wurde und laut schrie: „Geh weg!“.

Lottie hatte so etwas noch nie erlebt; und schon gar nicht von Juna. Hat sie etwas falsch gemacht? „Juna, was hab ich getan?“, fragte Lottie verwirrt und schockiert. Nach mehreren Versuchen musste sie aufgeben und lief weinend nach Hause. Sie konnte nicht verstehen, was bei ihrer besten Freundin so eine Reaktion ausgelöst hatte.

Die letzte Erinnerung, die Lottie hatte, war das Detektivspielen mit Juna. Sie hatten sich in große Mäntel von ihren Vätern verkleidet und so getan, als würden sie den Fall der vermissten Kaubällchen lösen. Natürlich wussten sie, dass Junas Hund es wie immer im Garten der merkwürdigen Mareike vergraben hatte; einer 70-jährigen Frau gegenüber von Junas Haus, die behauptete, Geister zu „fühlen“ und mit ihnen zu sprechen. Niemand glaubte ihr, und den Kindern war verboten, mit ihr zu interagieren.

Lotties letzte Erinnerung beim Spielen war, dass sie zum Haus von Mareike gerannt war, um das Kaubällchen zurückzuholen.

Auf dem Heimweg sah sie das rote Kaubällchen am selben Platz, an dem es beim letzten Mal lag. „Hat Flöckchen es schon wieder dorthin gebracht?“, seufzte Lottie. Kurz überlegte sie und hatte eine Idee: Was, wenn sie es für Juna holte? Würde Juna ihr dann vergeben? Es schien eine gute Idee, also entschied Lottie, es zu versuchen.

Vorsichtig überquerte sie die Straße und betrat Mareikes Garten. Sie wollte so schnell wie möglich wieder heraus. Ihre Mutter wäre böse, wenn sie es herausfände. Doch als sie sich bückte, um den Ball zu greifen, schnappte die Tür von Mareikes Haus auf. Lottie erschrak so sehr, dass der Ball fiel. Schnell versteckte sie sich hinter dem Gebüsch und hielt den Mund zu.

„Komm raus!“, schrie Mareike. „Ich weiß, dass du hier bist!“ Lottie versuchte, ruhig zu bleiben. „Warum kommst du immer wieder zurück? Antworte mir!“, rief Mareike. Lottie stockte. Hatte Mareike sie beim letzten Mal entdeckt? Sie wartete, bis Mareike zurück ins Haus ging, und rannte dann für ihr Leben.

Auf der Straße rutschte sie plötzlich aus. Einen Moment lang realisierte sie nicht, worauf sie getreten war, bis sie das rote Blut sah. Sie schrie auf. Wie war so viel Blut unbemerkt geblieben? Ihr schönes Kleid war voller Blut und Dreck. Sie atmete tief ein und lief zu Junas Haus. „Das ist ein echter Fall für uns Detektive“, flüsterte Lottie.

Vorsichtig klopfte sie an Junas Tür. Nach einer Weile öffnete Juna den Spalt. Diesmal schien sie weniger wütend. „H-hey, Juna“, sagte Lottie und winkte verlegen.

„Mama meint, ich darf nicht mit dir sprechen!“, flüsterte Juna verängstigt.

„Was?“, sagte Lottie entsetzt. „Aber sie liebt mich! Wieso darfst du nicht mit mir reden? Was habe ich so Schlimmes getan?“

Juna atmete tief ein, wie vor einer Schulpräsentation. „Du kannst hier nicht sein…“ flüsterte sie. „Bitte sag mir… was habe ich getan? Warum bist du so sauer?“ Lotties Tränen liefen über die Wangen.

Juna begann übermäßig zu atmen, die Tränen strömten über ihre Augen. „D-du hast Blut auf dem Kleid… wie… damals.“

Lottie schaute hinunter und dann zu ihr: „Was?“ Juna stürzte in ihre Arme und umarmte sie so fest, wie sie nur konnte. „Juna…? Was ist los? Ich verstehe gar nichts…“

„Ich bilde mir das nur ein! Ich bilde mir das nur ein!“, flüsterte Juna immer wieder. Lottie versuchte, sie wegzuschieben, aber es war unmöglich. Juna hielt sie fest, als würde sie jede Sekunde verschwinden.

„Juna?“, weinte Lottie.

„Du bist nicht echt…“, schluchzte Juna zwischen den Tränen.

„Was? Natürlich bin ich echt! Ich bin hier!“

Endlich schaffte Lottie, Juna von sich zu trennen. Sie wischte ihre Tränen ab, doch bevor sie etwas sagen konnte, nahm Juna sie an der Hand und rannte Richtung Friedhof.

„Weißt du nicht mehr?“, heulte sie. „Du bist tot, Lottie… du bist gestorben…“

„Was-?“, stammelte Lottie. „Ich habe es gesehen, als du überfahren wurdest! Ich habe geschrien! Ich habe gesagt, du sollst nicht über die Straße! Du hättest nie zu Mareike sollen… wieso… wieso hast du mich nicht gehört…“

Juna blieb vor dem Friedhof stehen und sah Lottie ins Gesicht. Lottie schüttelte den Kopf, während die Erinnerungen zurückkamen. „Ich hab dich so geliebt, Lottie, du hättest mich nicht verlassen sollen…“

Lottie blieb wie gelähmt stehen, ihre Hand noch in Junas kleiner, eisiger Hand. „Ich… ich… ich bin tot?“, flüsterte sie kaum hörbar. Die Welt um sie verschwamm, die Farben wurden blass, und die Umrisse des Gartens und der Häuser wirkten fremd und vertraut zugleich.

„Ja…“, schluchzte Juna. „Du bist überfahren worden… ich habe alles gesehen… und seitdem war es nur noch ein Traum, in dem ich dich wiedersehen konnte…“ Ihre Stimme brach, und sie sank auf die Knie. „Ich habe jeden Tag gehofft, dass du zurückkommst, dass es nur ein Albtraum war… aber es ist nicht so…“

Lottie wollte sie beruhigen, wollte sagen, dass alles wieder gut würde, dass sie wieder spielen könnten, wie früher. Doch sie konnte nicht. Sie spürte die Kälte der Realität. Sie wollte schreien, wollte weglaufen, doch ihre Beine gehorchten nicht.

„Ich… ich wollte dich retten… ich wollte nur, dass du sicher bist…“, flüsterte Juna, Tränen über ihr Gesicht laufend. „Aber du bist… weg… für immer…“

Lottie versuchte, sie zu umarmen, wollte alles rückgängig machen. Doch je mehr sie sich bewegte, desto schwächer wurde sie, bis sie spürte, wie sie langsam aus der Welt glitt, wie ein Schatten im Nebel.

Juna hielt sie fest, flüsterte immer wieder: „Ich liebe dich, Lottie… bleib bei mir… bitte…“

Lottie konnte nur noch leise lachen, bitter und traurig zugleich. „Ich liebe dich auch… immer…“, hauchte sie, bevor die Welt um sie verblasste und nur die kühlen, stillen Steine des Friedhofs zurückblieben.

                                     

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