Bis vor einem Jahr lebte ich auf dem Land, zusammen mit meiner Oma, meinen Eltern und mit dem liebenswertesten Hund, den ich kenne. Ich spielte mit Omas Hund Bello fangen und planschte mit ihm im kleinen Bach. Mit meiner Oma suchte ich am Nachthimmel Sternbilder und mit meinen Eltern kochte ich superleckere Gerichte mit wilden Kräutern. Diese Zeit war wunderschön, bis eines Abends Papa plötzlich einen Anruf bekam. Es war eine grosse Firma in der Stadt, die ihm einen grossartigen Job anbot. Da musste Papa nicht lange überlegen, natürlich möchte er den Job annehmen. Wir mussten deshalb in die Stadt umziehen. Der Abschied war schwer und Oma blickte uns traurig hinterher.
In der Stadt war es laut, schmutzig und unglaublich stressig, hier sah man keine wilden Tiere mehr und von den vielen Sternen am Himmel ganz zu schweigen.
Nun lebte ich seit einem Jahr in der Stadt und hatte mich langsam angepasst, doch richtig einleben konnte ich mich nicht.
Mit der Zeit vergass ich die Stille und wie schön der Wald und die Natur sein können, um mich herum nahm ich nur noch die lauten Geräusche der Stadt wahr.
Schweigend lief ich die Treppe der Schule hinauf bis in den ersten Stock zu den Klassenzimmern. Das ich zu spät war, merkte ich erst, als ich sah, dass die Tür meines Klassenzimmers schon geschlossen war. Möglichst unauffällig versuchte ich mich zu meinem Platz zu schleichen, doch Frau Kleier, meine Deutschlehrerin, bemerkte mich und warf mir einen warnenden Blick zu. An meinem Platz beugte sich sofort Zoe, meine beste Freundin und Pultnachbarin zu mir herüber und fragte leise: “Wo warst du?”
Ich zuckte mit den Schultern und konzentrierte mich auf den Deutschunterricht.
In der grossen Pause sass ich allein auf meiner Lieblings-Mauer. Zoe machte irgendetwas mit den Mädchen aus unserer Klasse. Lustlos kaute ich auf meinem Znüni herum, bis plötzlich ein kleines Käuzchen direkt neben mir landete. Verdutzt schaute ich auf, als das Käuzchen begann, sich an meinem Pulli fest zu klammern und mich an meinem Pulli in Richtung Ausgang der Schule in Richtung Süden zu ziehen. Genervt schüttelte ich es weg, doch es zehrte nur noch heftiger an mir. Verwirrt stand ich auf, schüttelte meinen Arm, so dass der kleine Vogel auf den Boden purzelte und lief in einen anderen Teil des Schulhofes.
Auch nach der Schule flog das Käuzchen mir hinterher und folgte mir Schritt für Schritt nach Hause. Ich lief in unsere Wohnung, begrüsste meine Mutter und lief sogleich nach oben in mein Zimmer. Durch mein Fenster sah ich, dass dieses merkwürdige Käuzchen sich auf den Apfelbaum in unserem Garten niedergelassen hatte und den Schnabel ins Gefieder steckte.
Auch in den nächsten Tagen folgte mir das Käuzchen überall hin. Es nervte mich immer mehr, ich versuchte es auszutricksen und abzuhängen, doch alles half nichts. Schliesslich gab ich auf, das Käuzchen loszuwerden, ich wurde neugierig und beobachtete es. Immer wenn ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte, trippelte es in Richtung Süden wie auch damals in der Schule.
Nach der Schule beschloss ich, ihm zu folgen. Das Käuzchen freute sich und flog ein Stück voraus, wartete dort, bis ich es eingeholt hatte, und flog wieder vorneweg. So ging das eine ganze Zeit lang und ich lief dem kleinen Vogel hinterher.
Plötzlich blieb ich abrupt stehen, ein komisches Gefühl überkam mich und ich schaute mich genau um. Der Lärm der Stadt war viel leiser und man hörte viel mehr Vögel. Der Himmel färbte sich bereits rosa und neigte sich dem Abend. Kurz überlegte ich umzukehren, ich habe mich schon viel zu weit von der Stadt entfernt! Doch dann schöpfte ich wieder Mut, ich hatte es bis hierher geschafft. Ich möchte dem Geheimnis des Käuzchens auf die Spur gehen!
Mit neuem Mut lief ich immer weiter in den dämmernden Abend hinein. Da merkte ich, dass das Käuzchen angehalten hatte, und leise schuhute. Ich spürte in mich hinein und da nahm ich ein neues Gefühl wahr, welches ich noch nicht kannte. Das Gefühl, wenn man angekommen ist. Neugierig schaute ich mich um, ausser einem Wald konnte ich nichts aussergewöhnliches entdecken. Die Stadt hatten wir weit hinter uns gelassen und vor uns erstreckte sich eine weite flache Ebene. Freiheit durchkribbelte mich, als ich vorsichtig hinter dem kleinen Vogel den Wald betrat.
Wir liefen immer tiefer in den Wald hinein und es wurde immer dunkler.
Wir waren schon sehr tief im Wald und es fiel nur noch wenig Licht durch die Bäume, als das Käuzchen anhielt und sich auf den Boden setzte. Ich tat seinem Beispiel gleich und setzte mich neben ihn.
Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Wald. Ich hörte die Vögel, die leise zwitschern und roch den feuchten, würzigen Duft nach Erde. Langsam wurde ich immer entspannter und nahm alles um mich herum wahr.
Wie schön es war, alles loszulassen. Die Ruhe des Waldes zu spüren.
Das alles hatte ich so sehr vermisst, seit ich nicht mehr auf dem Land lebte.
Kurz öffnete ich die Augen und sah, dass der kleine Vogel die Augen geschlossen hatte und leise döste. Ich legte mich auf den Rücken und schloss die Augen wieder.
Das war das Schönste, was ich je erlebt hatte.
Von nun an kam ich häufig hierher, und immer, wenn ich herkam, traf ich das kleine Käuzchen.
In der nächsten Zeit hatte ich öfters den Wunsch, in der Natur zu sein und wieder auf dem Land zu leben.
Meine Eltern merkten, dass mich irgendetwas beschäftigte und fragten, was los sei. Ich berichtete von meinem Erlebnis und dem Wunsch. Meine Eltern sagten, sie müssten sich besprechen.
Schon am nächsten Morgen beim Frühstück teilten sie mir ihren Entschluss mit. Ihnen war Geld weniger wichtig, als dass ich glücklich bin, wenn es mir so wichtig wäre, würden wir wieder zu Oma ziehen!
Voller Vorfreude packte ich schon am nächsten Wochenende meine sieben Sachen und wir fuhren am Sonntagabend los. Gerade als ich die Autotür schliessen wollte, flatterte das kleine Käuzchen herein und machte es sich auf meinem Schoss gemütlich.
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