"Das Geheime Leben der Bücher" - eine Geschichte von Elina Zimmermann - Young Circle

„Das Geheime Leben der Bücher“ – eine Geschichte von Elina Zimmermann

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„Das Geheime Leben der Bücher“ – eine Geschichte von Elina Zimmermann

Hast du dich schon einmal gefragt, ob Bücher eigentlich einsam sind? Oder ob sie sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen? Und wer erzählt die Geschichte, wenn da mehrere Exemplare eines Buches sind? Wechseln sie ab? Oder losen sie untereinander aus wer erzählen darf?

Was tun die Bücher in diesem Augenblick hinter den verschlossenen Türen dieses Buchladens? Hast du dich das einmal gefragt? Wenn du willst, dann nehme ich dich gerne mit in die Welt der Bücher hinter verschlossenen Türen. Du nickst nur. Einerseits, weil du nicht weisst, was du sonst erwidern sollst und andererseits, weil du dir dieses Abenteuer nicht entgehen lässt.

Obwohl wir den Buchladen durch die Türe betreten, berühren wir sie nicht und die Türglocke kündigt uns auch nicht an. Denn wir schweben einfach hindurch, wir wollen die Bücher schliesslich nicht wecken. Oder unterbrechen? Oder doch stören? Jedenfalls wollen wir nicht, dass die Bücher uns bemerken. Im ersten Moment hören wir nichts, es ist so still, wir könnten eine Nadel am anderen Ende des Ladens zu Boden fallen hören. Nur wir und die Bücher sind da. Die Stadt, ja die ganze Welt ist ausgesperrt. Leise wie ein Schatten schweben wir an der Kasse vorbei zu den Bestsellern. Es riecht nach neuen Büchern, es riecht nach zuhause, nach Geborgenheit. Irgendwo, wir sind uns nicht ganz sicher, wo genau, hören wir ein Geräusch. Etwas, das klingt, wie Laub in einer sanften Sommerbriese. Aber noch bevor wir die Quelle ausfindig machen können, hören wir eine Stimme. Nicht unsere eigene, sondern ein fremde.

«Niemand kauft uns!», jammert jemand. Uns ist klar, dass dies ein Buch sein muss und es befindet sich irgendwo rechts vor uns.

«Hör auf zu jammern!», beschwert sich eine andere Stimme, direkt neben uns. Wir richten unseren Blick auf die Bestseller. Nur welches davon hat soeben gesprochen?

«Du hast gut reden, Das Gewicht der Worte, dich wird man kaufen, sobald die Türen wieder aufgeschlossen werden», jammert das erste Buch und wir wenden uns wieder in die Richtung, aus der die Stimme kommt. «Wir stehen hier schon seit drei Jahren! Drei Jahren!»

«Das ist doch gar nichts, Herr der Ringe…!», spottet eine dritte Stimme weiter hinten im Laden, bei den Kinderbüchern, wird jedoch unterbrochen.

«Hört auf uns in denselben Topf zu werfen!», befiehlt eine vierte Stimme, «Die Gefährten jammert immer herum! Ich habe nichts gesagt, genauso wie Die zwei Türme, mir gefällt es hier schliesslich! Hier oben habe ich eine bezaubernde Aussicht über den halben Laden!»

«Wo war ich?», piepst die dritte Stimme, die ganz offensichtlich den Faden verloren hat. «Ach ja; Ich stehe hier schon seit sechs Jahren! Hör auf zu jammern, Die Gefährten! Habe ich euch schon einmal…»

Eine fünfte Stimme unterbricht die dritte Stimme barsch: «Ja, hast du, Alice Im Wunderland. Alleine in den letzten fünf Tagen vier Mal. Ich kann deine alberne Geschichte langsam nicht mehr hören!»

«Jetzt wirst du gemein…», mischt sich noch eine Stimme ganz in unserer Nähe ein. Langsam verlieren wir den Überblick, wieviel es denn nun schon sind.

«Can you guys shut up? I’m trying to meditate![1]», ruft ein Buch, dass ganz offensichtlich aus dem Regal mit den Englischsprachigen Büchern rechts hinter uns uns stammt.

«Halt den Mund oder sprich Deutsch mit uns!», blafft die fünfte Stimme, mit der wohl nicht gut Kirschen essen ist.

«Du bist gemein! Komm von deinem hohen Ross runter, Die Schöne Fanny

«Erteil du mir keine Befehle!»

«Meine Lieben», bittet ein Buch in einem leisen, schläfrigen Ton, «ich möchte schlafen, seid bitte etwas ruhiger.» Wir müssen beinahe lachen, so seltsam betont die Stimme die Wörter in diesem Satz.

«Du schläfst doch die ganze Zeit, KOALA», beschwert sich Alice im Wunderland.

«Alice schläft doch auch während der ganzen Geschichte, das hast du uns schon mindestens zehn Millionen Mal erzählt, die Geschichte mach mich mit jedem Mal müder», entgegnet KOALA noch immer schläfrig.

«Hört endlich auf mit euren ewigen Streitereien!», rufen einige andere Bücher ungeduldig.

«Wir streiten nicht!», mischt sie Die Gefährten ein. Ich bin nicht sicher, ob es dir auch auffällt, aber Die Gefährten verliert langsam, aber sicher die Geduld. «Wir diskutieren! Da gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied, den ihr offenbar nicht verstehst!»

«Nur weil du 150 Mio. Mal verkauft wurdest, hast du kein Recht so zu jammern, Die Gefährten!», bestimmt Das Gewicht der Worte.

Und dann beginnen alle Bücher wie die Wilden durcheinander zu reden. Jeder gibt dem anderen die Schuld an irgendeiner Belanglosigkeit. Und diejenigen, die versuchen den Streit zu schlichten, scheitern kläglich. Das Stimmengewirr schwillt ins Unermessliche an. Ich ziehe dich am Ärmel aus dem Laden – leise wie ein Schatten. Kaum haben wir die Türe passiert, verstummt das Stimmengewirr, von aussen betrachtet macht der Laden einen gewöhnlichen Eindruck. Für einen Augenblick ist es wieder vollkommen still dann dringt der Lärm der Stadt, der in dieser Zeit deutlich weniger stark ist als sonst, in unser beider Bewusstsein. Du siehst mich ratlos an. Dieser Besuch war wohl nicht, wie du ihn dir vorgestellt hast. Vielleicht können wir an einem anderen Tag wieder herkommen? An einem Tag, an dem sich die Bücher nicht verbal zerfetzen, versteht sich. An einem friedlichen Tag. Du nickst nur, nachdem ich dir diesen Vorschlag gemacht habe. Auch ich nicke, weil ich zuversichtlich bin. Die Bücher werden sich schon wieder beruhigen und dann besuchen wir sie noch einmal. Bist du dabei? Begleitest du mich ein zweites – oder vielleicht auch ein drittes, viertes, fünftes Mal auf dieses Abenteuer?

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