«...Sunneschii jetzt tuets de Julia nömme weh», kleinere Hände gruben sich in meinen Pullover. «Es heisst Schnee, nicht Sonnenschein», stellte sie leise und schniefend fest. Rot, glänzende Augen, schauten traurig zu mir hoch. Angenehm warm, brannte das grosse Lagerfeuer vor uns und wärmten uns, in der kühler werdenden Nacht. Mit einem rosa Pflaster, welches mit kleinen Herzen verziert war, wurde die kleine Schnittwunde an ihrem Finger abgedeckt. «Stimmt, aber willst du, dass es jetzt schneit, wenn wir mit unseren Zelten im Sommerlager sind? Ausserdem mag ich Sonnenschein viel mehr», liebevoll strich ich ihr eine verirrte Strähne hinters Ohr. «Wieso das denn? Im Sonnenschein blendet es doch nur, im Schnee kann man Skifahren…», Sie klang ehrlich verwirrt, was mich lächeln liess. Es war immer wieder erstaunlich, wie schnell sich Kinder ablenken konnten. «Okay, stell dir bitte einmal den Winter vor, wenn es nur kalt und regnerisch ist.» Angestrengt kniff das kleine Mädchen neben mir ihre Augen zu, was meine Mundwinkel noch ein Stück höher rücken liess. «Habe ich… ich sehs vor mir», ein verschluckendes Murmeln kam ihr über die Lippen. «Super, und jetzt denke an die ersten Sonnenstrahlen, nach diesen Tagen. Die Wärme auf deiner Haut, dass man sogar die Jacke ausziehen kann…» «Ich finde diese Gefühl, kommt Liebe extrem nahe.» Überrascht riss sie die Augen auf. «Du hast versprochen du sagst uns, wenn du einen Freund hast!», gespielt eingeschnappt verschränkten sich ihre kleinen Arme. Bevor ich mich aufhalten konnte, befreite sich ein Lachen aus meiner Kehle, was Julia nun doch zum Schmunzeln brachte. Ihre Augen dabei weiterhin gespielt wütend am Funkeln. «Okay komm her», sie quiekte laut auf, als ich sie zwischen meine Beine hob und die Arme um sie schlang. Einen winzigen Moment nahm ich mir Zeit sie an mich zu kuscheln und den Moment festzuhalten. Am liebsten hätte ich sie für immer so klein…
Ein sanftes Kribbeln im Bauch. Keine schweren Flügelschläge von Schmetterlingen. Wobei ich schon immer sagen musste, dass es weniger Schmetterlinge, sondern eher ganze Vögel sein mussten, welche unruhig in mir umherflatterten. Dieses Gefühl war nicht angenehm romantisch und berauschend, sondern gefährlich und beängstigend. Ein Blick zu ihr, damit alles ein wenig erträglicher wurde. Ein kurzer Kontrollblick ob sie die Situation genauso einschätze wie ich. Und dabei fühlte ich nur eines: Ruhe. Ruhe, Verbundenheit und dieses wärmende Stahlen in mir drin. «Sollen wir beginnen?» Sie musste die Worte nicht einmal aussprechen, damit ich wusste, was sie mir mitteilen wollte. Ich nickte stumm, der Vortrag würde bestimmt gut werden. Aus unerklärlichen Gründen hatte ich immer die Angst ausgelacht zu werden, weil ich die Dinge, die mir wichtig waren, zu ernst nahm. Meine beste Freundin hingegen nahm das mit einem lockeren Lächeln auf sich und führte ohne Probleme durch unsere Punkte. Es war die Kunst, mich in vollem Scheinwerferlicht zu sehen und zu verstehen, was ich an ihr liebte. Liebe, für unsere Freundschaft und für sie als Person. Dabei wollte ich nicht mein Leben an ihrer Seite verbringen, sie war nicht meine Sonne. Dafür meine Rückendeckung, was mit warmen Sonnenstrahlen im Rücken zu vergleichen waren. Das Gefühl von Sunneschii!
Irgendwann in meinem Leben, würde ich sie wohl oder übel umbringen müssen. «Weisst du, was du da trägst?» Meine Stimme triefte vor einem gefährlichen Unterton. «Ich habe mir das Oberteil nur mal ausgeliehen…ausserdem kann ich ja nichts dafür, dass wir dieselbe Kleidergrösse haben.» Entschuldigend, aber nicht bereuend blinzelte sie zu mir aufs Bett. Bevor ich mich wappnen konnte, sprang sie auch schon voller Tatendrang auf meine weiche Matratze. Kichernd drehte sie ihren Kopf zu mir. «Damit hättest du jetzt nicht gerechnet, oder?» Übertrieben wackelte sie mit ihren Augenbrauen. «Bei dir wundert mich gar nichts mehr und zugegebenermassen steht es dir». Erheblich leiser schob ich den zweiten Satz hinterher. Auch wenn wir uns dieselbe DNA teilten, könnten wir unterschiedliche nicht sein, was mir auch jetzt mit dem Blick in ihre braunen Glubschaugen auffiel. «Ich mag deine hellen Augen». Gedankenverloren strich sie über meine waldgrüne Bettdecke. Was gruselig war, denn manchmal fühlte es sich so an, als wären unsere Gedanken gekoppelt. Auch wenn sie mich tierisch nerven konnte, liebte ich sie doch. Noch ein Stück mehr, wenn wir uns nur lächelnd anschwiegen und uns still und leise für unsere kleinen Streitereien entschuldigten, welche wir meist unnötig unter der Woche angerissen hatten. Ein warmer, wehleidiger Stich fuhr durch meinen Brustkorb, dass sie nicht mehr die durchgeknallte kleine Schwester war, sondern eine wunderschöne, eigensinnige Frau. Was ich nie laut aussprechen würde. Insgeheim war ich riesig stolz darauf, ihre grosse Schwester sein zu dürfen, und ich liebte sie so fest, bis zur Sonne und wieder zurück. Okay erwischt, sogar ein bisschen mehr…
«Dieses Gefühl ist ungefähr hier drin», blitzschnell schoss ich zu Julias Hals und kitzelte sie, bis sie sich vor Lachen von meinem Schoss wand. «Das war offiziell gemein!». Umständlich kletterte sie zurück. Um uns zwei hatten sich inzwischen weitere Leitungspersonen angesammelt, welche mit den Kindern zusammen Gesangbücher verteilen. Aufmerksam schweifte ihr Blick von der Menge zu mir zurück. «Eine kurze Frage…, spürst du den Sunneschii auch, wenn ich dir eine Umarmung gebe?». Leise fast peinlich berührt klang ihre Stimme. «Probieren wir es aus», schlug ich lächelnd vor und schlang meine Arme um ihren kleinen Körper. Kichernd tat sie es mir gleich und wartete gespannt ab. «Du hast die süssesten Umarmungen auf der Welt», stellte sie fest, was mich noch ein weniger mehr dahin schmelzen liess. Liebe war ein Rückzugsort und das Gefühl für jemanden da zu sein. Jemandem eine Pause zu geben, mit einem wolligen, warmen Gefühl in der Brust. Als würden kleine, aber kräftige Sonnenstrahlen vom Himmel scheinen. «Und, spürst du es auch?» Ein winziges Stück rutschte sie von mir ab, um erneut zu grinsen, als ich kaum merklich nickte. «Ich darf dir offiziell bestätigen, dass du einer meiner kleinen Sunneschii bist.» Liebe musste sich nicht immer um die Sonne drehen, denn ganz versteckt befanden sich schon längst Sonnenstrahlen im Innern des Herzens, für die es sich genauso lohnte, glücklich zu sein und das Leben zu leben.
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