Sie sitzt am Schreibtisch und schaut aus dem Fenster. Sie hat das Licht noch nicht eingeschaltet und hat einen klaren Blick auf das Wohnhaus, das viel zu nah vor ihrem steht. Gespannt beobachtet sie das Treiben der Menschen vis à vis von ihr.
Im dritten Stock sitzen zwei Mädchen tief eingekuschelt in ihre Decken auf dem Balkon. Vor ihnen steht ein Aschenbecher, in welchen sie die Asche ihrer Zigaretten schnippen. In der Wohnung nebenan ist es noch dunkel, also wandert ihr Blick ein Stockwerk weiter hinauf. Sie sieht einen Mann und eine Frau immer wieder hin und her laufen. Gebannt sieht sie zu wie sie aus ihrem Blickfeld verschwinden und mit etwas Neuem in der Hand zurückkehren. In Windeseile ist der Tisch gedeckt und dekoriert. Die Frau zündet die Kerzen an, während der Mann mit fünf oder sechs Personen wieder im Fensterbild erscheint.
In der Wohnung nebenan sieht das Bild total gegensätzlich aus. Es scheint, als wäre das Paar mitten in einer hitzigen Diskussion und sie lässt den Blick schnell weiter wandern, da ihr die Situation doch etwas zu privat erscheint. Im zweiten Stock sieht sie einen jungen Mann in ihrem Alter am Schreibtisch sitzen. Sie schaut ihm eine Weile wie hypnotisiert zu, während er Seite um Seite seines Heftes füllt. Dies erinnert sie daran warum sie sich überhaupt an den Schreibtisch gesetzt hat und öffnet seufzend das Dokument auf ihrem Laptop.
Einige Tage später sitzt sie wieder an ihrem Platz vor dem Fenster mit dem Blick auf das viel zu nahe Wohnhaus. Das Paar was sich kürzlich so angeschrien hatte sitzt jetzt stumm da. Die tränenüberströmten Gesichter schauen sich über den hölzernen Küchentisch an und sie fühlt mit denen ihr unbekannten Personen mit. Die Beiden, vor kurzem ein nettes Zusammenkommen gehalten haben, sitzen jetzt nur zu zweit bei Kerzenschein da. Sie spürt die Liebe und Zärtlichkeit die sie nur durch Blicke austauschen bis in ihr Zimmer, wo sie ganz alleine sitzt, und wünschst sich insgeheim auch einmal, so von einer aussenstehenden Person bewundert zu werden. Im Aschenbecher ein Stock unterhalb häuft sich ein kleiner Berg von Zigarettenstummeln an und sie sieht die Mädchen sich lachend bereit machen. Ihr fällt auf, dass es Samstagabend ist und sie wie letzten Wochen wieder alleine an ihrem Schreibtisch sitzt. Deprimiert sieht sie weiter und ihr Blick fällt auf das dunkle Fenster. Wie schon vor einigen Tagen ist hier nichts zu sehen und auf einmal fällt ihr auf, dass das Nichts das sie sieht, eine Reflexion ihres unspektakulären Lebens ist. Dabei vergeht ihr die Lust das aufregende Treiben ihrer Nachbarn zu beobachten und sie wendet sich wieder ihrer Arbeit zu.
Wochen vergehen und immer wenn sie eine kurze Lernpause einlegt schaut sie aus ihrem Fenster auf das Wohnhaus vor ihr. Neben den zwei Mädchen war inzwischen eine Jungs-WG eingezogen und hin und wieder sieht sie, wie ein Gespräch zwischen den beiden entsteht wenn sie zur selben Zeit auf dem Balkon sind. Abends sieht sie aus dem Augenwinkel die Lichter in den einzelnen Zimmern aufleuchten, doch das Fenster in der Mitte im dritten Stock bleibt immer dunkel. Hin und wieder glaubt sie Schatten in der unbeleuchteten Wohnung herum huschen zu sehen, doch dann redet sie sich ein, dass sie sich das aufgrund ihres Schlafmangels immer nur einbildet.
Die hell beleuchteten Zimmer bilden einen Kranz um das einzelne dunkle Fenster in der Mitte im dritten Stock. Im vierten Stock sieht sie wie das Paar wieder einmal Gäste hat. Gemeinsam spielen sie ein Kartenspiel und brechen dabei immer wieder in schallendes Gelächter aus. Lächelnd schaut sie dem Schauspiel eine Weile lang zu, bevor ihr Blick eine Wohnung weiter wandert. Dort wo früher das Paar wohnte, sitzt der Mann jetzt ganz alleine am Küchentisch. Um in herum stehen einige Bierflaschen und er starrt mit einem traurigen Blick ins Leere. Es ist ein betrübtes Bild. Das fröhliche Zusammenkommen von Freunden verglichen mit dem Mann der nun alleine ist. Der Gedanke, dass nicht nur sie an einem Freitagabend keine Pläne hat, lässt sie für einen kurzen Moment besser fühlen. Ein Stockwerk weiter unten sitzen die Mädchen auf dem Balkon der Jungs-WG. Sie sind tief in ein Gespräch versunken, während hin und wieder eine Zigarette angezündet wird. Sie schaut ihnen neidvoll zu und wünscht sich so sehr auch einmal Teil einer solchen Gruppe sein zu können.
Sie sieht ihr Leben in dem dunklen Zimmer während die hell beleuchteten Wohnungen das symbolisieren, was sich um sie herum abspielt. Ihr leuchtet ein, dass im Selbstmitleid versinken nichts an ihrer Situation ändert und sie wendet sich dem Stockwerk ab. Ihr Blick fällt auf das Zimmer im zweiten Stock. Der junge Mann, der wie sie immer am Schreibtisch sitzt und lernt schaut sie an. Sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln und er hebt die Hand zum Gruss. Lächelnd winkt sie zurück, während im dunklen Fenster darüber auf einmal ein kleines Licht angeht.
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