"Dämmergrau" - Eine Geschichte von Lucia Mannhart - Young Circle

«Dämmergrau» – Eine Geschichte von Lucia Mannhart

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«Dämmergrau» – Eine Geschichte von Lucia Mannhart

Jay hat keine Angst vor dem Aufwachen – sondern vor dem Einschlafen. Jede Nacht verliert er sich in vertrauten Orten, die plötzlich fremd und bedrohlich werden: endlose Strassen, leere Schulhöfe, düstere Gestalten. Als die Albträume beginnen, auch in den Tag einzudringen, wird die Grenze zwischen Traum und Realität immer dünner. Erst als er zusammenbricht, merkt jemand, wie sehr er wirklich kämpft.

Angst vor dem Aufwachen; eher Angst vor dem Träumen. Mystische Paläste, reiche Landschaften, ruhige Wasser? Nein. Fantasiewelten, das wäre ein Traum.

Blöde, irrationale Angst. Was macht sie da? Woher kommt sie? Ich habe doch keine Angst. Ich bin doch stark.

Angst. Am Tag geschoben in den hintersten Winkel meines Bewusstseins, in der Nacht kommt sie heraus.

Dicke, dunkle Nacht. Ich bin draussen, in den Strassen. Vor mir die Tankstelle, verlassen in der Dunkelheit. Eine Strassenlaterne, brummendes Licht. Ich stehe an der Bushaltestelle. Hier steige ich jeden Tag in den Bus ein. Ich kenne mich hier aus. Doch etwas ist anders. Es ist still. Es ist ja auch Nacht. Aber was mache ich hier? Ab nach Hause. Ich laufe die Strasse runter. Mein gewohnter Heimweg. Weiter unten kommt ein Café. Um die Ecke, da. Die Tankstelle? Nein, da kam ich her. Ich drehe mich um, laufe zurück. Da ist sie immer noch. Was war denn da vorne? Wo ist das Café? Ich renne. Wie komme ich heim? Am Café vorbei durch den Park. Aber ohne Café? Wieder eine Tankstelle. Wohin? Ich will heim-

Und wach. Schweissgebadet. Wieder kam ich nicht weg. Verloren in einer vertrauten Umgebung. Wieder rannte ich. Wieder war ich gefangen. Konnte nichts tun. Nur rennen.

Schlaf vermeiden und lange wach bleiben hilft nichts. Nie. Die Angst findet mich immer.

Schulhof. Ich bin allein. Ein leerer Pausenplatz. Ich stehe da. Die Uhr zeigt sieben, es ist noch dunkel. Ein kühler Wind bläst Blätter über den Boden. Wo sind meine Freunde? Ich laufe, gehe sie suchen. Sie sind nicht da. Im Klassenzimmer, bei den Spinden, auf der Toilette. Haben wir keine Schule? Wo sind sie? Da, ein Geräusch auf dem Gang. Flüstern? Ich öffne die Türe. Blitzlichter blenden mich. ‘Seht mal wer sich endlich zeigt!’ Meine Freunde-

Laute Lacher hallen durch mein Zimmer. Mein Pyjama klebt an der Haut. Es ist sieben Uhr, Sonntag. Acht, neun Stunden Schlaf. Aber unruhig. Mein Kopf hämmert. Und ich bin immer noch todmüde.

Niemand weiss von der Angst. Ich gegen sie. 1v1. Doch ich bin hilflos. Sie drängt mich zurück, lacht über meine Kleider, drängt mich von meinen Freunden weg. Glorreiche Kämpfe im Traum? Sie kontrollieren? Bezwingen? Eher umgekehrt.

Ich bin träge. Alles ist so schwer. Der Lehrer macht mich müde, seine Stimme monoton, der Stoff langweilig. Mein Kopf schmerzt. Könnte ich nur, für eine Sekunde –

Ich bin in der Schule. Auf dem Dach. Dort sind immer die Coolen, die Raucher. Wo sind sie? Ich rieche den Rauch. Hinter der Ecke. Ich will nicht dorthin. Es zieht mich. Nein – ich will nicht dorthin- Da sind sie. Eine düstere Aura, schwarze Kleider, grauer Qualm. Sie sitzen in einer Gruppe. Ich bin klein, stehe vor ihnen, sie schauen auf mich herunter. Was wollen sie von mir? Was mache ich hier? Ich mache mich klein, will mich verstecken. Einer kommt auf mich zu, gross, dunkel, gefährlich, hebt seine Hand und-

Riiiiingggg – Ich bin wieder im Klassenzimmer -was- Marie schaut mich an. ‘Jay? Alles okay? Die Stunde ist vorbei.’ Alle sind schon gegangen. Haben sie nicht auf mich gewartet? Ich stehe schnell auf, immer noch Rauchgeruch in der Nase. Alles verschwimmt. Schwärze.

Ich höre Stimmen. Besorgte Rufe: ‘Schlägt das Herz noch?’, ‘Spürst du den Atem?’ Was ist passiert? Hat sich jemand verletzt? Wo bin ich? Ich spüre einen Finger unter meiner Nase. ‘Jay?! Jay, hörst du mich?’ Marie lehnt sich über mich. Wieso liege ich auf dem Boden? Es war doch- Mathe? ‘Jay hat die Augen aufgemacht!’, ruft jemand. Marie legt mir die Hand auf die Stirne. ‘Was-’, probiere ich zu fragen, doch sie unterbricht: ‘Shhh, ganz ruhig. Ich bin da.’ Dann ist alles wieder dunkel.

Ich bin in einem weissen Raum. Es riecht nach Desinfektionsmittel und etwas piept. Ich setze mich auf. Es stehen zwei Stühle neben dem Bett. Einer leer, im Schatten. Im anderen sitzt Marie. Ein warmer Sonnenstahl fällt durch die Vorhänge auf ihren Rücken. Auf dem Tisch neben mir steht ein Strauss farbiger Tulpen. Marie ist über das Bett gelehnt eingeschlafen, das blonde Haar fällt über ihr Gesicht. Ich hebe eine Strähne an. Sie schläft so friedlich. Ich lächle. Ich fühle mich ganz leicht. Ich schliesse meine Augen und falle in einen traumlosen, ruhigen Schlaf.
                                     

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