Das Rattern des Zuges dröhnt in meinem Kopf und vermischt sich mit dem Rattern meiner Gedanken. Vielleicht hätte ich einfach zuhause bleiben sollen. Vielleicht hätte ich einfach „Nein“ sagen sollen und mich nicht von meinen Eltern zwingen lassen, das hier zu tun. Vielleicht…
Meine Gedanken werden vom Quietschen der Bremse unterbrochen, und ich werde mit der ganzen Menschenmenge um mich herum nach vorne gedrückt. Ich kann mich gerade noch rechtzeitig an einer Stange festhalten und verziehe das Gesicht. Sie ist schon ganz warm von den unzähligen, schwitzenden Händen. Die Türen zischen auf, doch die frische Luft erreicht mich kaum, da sofort neue Menschen einsteigen. Genervtes Stimmengewirr umgibt mich, gereizt von der Enge und Hitze.
Mit einer Hand umklammere ich die Stange, mit der anderen meinen Rucksack, dessen Riemen unangenehm in meine Schultern schneiden. Der Zug fährt ruckelnd weiter und ich versinke erneut in meinen Gedanken. Die Idee meiner Eltern, ich solle meine Ferien auf der Insel bei meiner Oma verbringen, erschien ihnen grossartig, doch von dieser Grossartigkeit spüre ich nichts. Die Insel ist klein, sehr klein, man kann sie in einer halben Stunde umrunden und trotzdem wohnen so viele Menschen dort, dass man keinen Moment alleine sein kann. Mein Plan, den ganzen Sommer über meine Nase in Bücher zu stecken, ohne mit jemandem sprechen zu müssen, ist also gestrichen.
Endlich hält der Zug ein letztes Mal an und die Türen öffnen sich erneut. Das Stimmengewirr nimmt nun wieder an Lautstärke zu, alle wollen hier raus und kümmern sich nicht um die Leute neben sich. Ich werde automatisch vom Schwarm nach draußen geschoben und habe nicht einmal Zeit, mich richtig umzuschauen, denn ich habe nur drei Minuten, um mein Boot zu finden. Schnell ziehe ich den Rucksack richtig an und eile los, schaue mich am Hafen um, der unspektakulärer nicht sein könnte. Alles aus grauem Beton und vereinzelte, kleine Boote, die auf ihre Mitreisenden warten, müde Reisende und flirrende, heisse Luft.
Endlich sehe ich ein Schild: Isla Dorada. Goldene Insel. Ein sonnengebräunter, kleiner Mann mittleren Alters hält das Schild hoch und hält nach Leuten Ausschau. Während ich mit grimmigem Gesicht auf das Boot, welches mich auf diese goldene Insel führen sollte, zugehe, bin ich kurz davor, umzudrehen. Doch der Mann winkt mir zu und ruft: „Du bist bestimmt Isabela“, woraufhin ich mit einem knappen Nicken antworte. Als ich ins wackelnde Boot steige, merke ich, dass ich die Einzige bin. Aha, daher kennt er meinen Namen. „Hattest du eine gute Anreise?“, fragt er, während er sich hinter das Lenkrad stellt und den Motor mit einem lauten Brummen gestartet wird. „Geht so“, antworte ich knapp und lasse meinen Blick über das Meer schweifen. Es ist ruhig, glatt und man kann keine einzige Welle entdecken. Der Mann scheint zu merken, dass ich nicht sonderlich Lust habe zu kommunizieren, denn er stellt keine weiteren Fragen mehr. Stattdessen redet er über das Meer und die Insel, doch ich kann ihn sowieso nicht richtig verstehen, da das Rauschen des Meeres und das Dröhnen des Motors seine Stimme übertönen. Ich halte meinen Blick die ganze Fahrt über gesenkt, da die Sonne in voller Pracht am Himmel steht und blendet.
„Nun, da wären wir“, sagt er, als wir am Strand anlegen. Ich stehe auf und murmle ein „Dankeschön“. Meine Jeans sind viel zu warm, mein Shirt feucht von meinem Schweiss und ich würde nichts lieber tun, als zu duschen. Schnell hüpfe ich über den Rand des Bootes in den Sand. „Ein kleiner Tipp noch“, ruft der Mann, bevor er den Motor wieder startet, und ich drehe meinen Kopf kurz zu ihm um und sehe ihn erwartend an. „Das Leben ist schöner, wenn man den Kopf hebt“. Ich werfe ihm einen verwirrten Blick zu, er salutiert zum Abschied und verschwindet mit seinem Boot auf dem Meer. Was er wohl damit meint? Ich seufze und atme tief durch. Vielleicht sollte ich wirklich mal meinen Kopf heben, allein schon zur Orientierung. Langsam wandert mein Blick nach oben. Und was ich dann sehe, zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen und lässt mein Herz voller Freude schneller schlagen. Ein langer Strand erstreckt sich mir zu beiden Seiten. Der Sand ist dunkelgelb und glitzert in der Sonne wie Gold. Daher der Name Isla Dorada. Palmen stehen am Rande des Strandes und wiegen sich im warmen Wind. Vereinzelte, bunte, kleine Häuser stehen hinter dem Strand verteilt, dazwischen Marktstände. Und die Menschen. Ich sehe Personen jeden Alters, alle mit einem Strahlen im Gesicht. Sie wuseln zwischen den Marktständen herum und gestikulieren und lachen. Kleine Kinder rennen über die Strandpromenade und füllen die Luft mit ihrem Gelächter aus. Dieser ganze Anblick ist wunderschön und das erste Mal, seit heute Morgen verspüre ich so etwas wie Freude.
„Isabela“, ich drehe meinen Kopf etwas weiter nach rechts. Meine Grossmutter. Sie winkt und hat ein Lächeln auf den Lippen. Ich winke zurück und lache. Ich lache, weil es sich gerade richtig anfühlt. Und während ich durch den erhitzten Sand auf meine Oma zugehe, merke ich, dass es vielleicht doch sehr schön werden kann. Ja, diese Insel ist klein und ja, ich werde hier nicht den ganzen Tag unsichtbar sein können. Aber ich spüre, wie sich etwas in mir verändert. Denn Zuhause ist es zwar schön, und in meinem Zimmer auch, aber das hier, das fühlt sich nach Leben an.
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