Die Musik aus meinen Kopfhörern umhüllt mich. Ich sitze vor meinem aufgeklappten Laptop. An dem Versuch, für Mathematik zu lernen, habe ich leider versagt. Stattdessen trinke ich einen Schluck meines Matchas und esse dabei das Stück Marmorkuchen, auf das ich nie verzichten kann, wenn ich meinem Lieblingscafé einen Besuch abstatte. Die Glocke über dem Eingang erklingt und ich sehe reflexartig auf. Ein Gefühl durchströmt mich. Der Mensch, der gerade hereingekommen ist, kommt mir bekannt vor. Ich halte einen Moment inne, um herauszufinden, woher ich das Mädchen kennen könnte. Nach kurzer Zeit erinnere ich mich. Es ist Noa. Noa ging mit mir in den Kindergarten, und so albern es klingen mag, kann ich mich genau an sie erinnern. Wir spielten jeden Tag zusammen und waren im Kindergarten beste Freundinnen. Am liebsten bastelten wir Armbänder aus Perlen. Auch wenn sie jetzt anders aussieht, hat sie immer noch die hellbraunen Haare mit den schönen Wellen, die in der Sonne golden strahlen. Das Mädchen bemerkt meinen Blick, erwidert ihn und lächelt leicht. Dann dreht sie sich wieder weg, als würde sie mich nie gekannt haben. Sie erinnert sich nicht an mich, gestehe ich mir ein. Die Jahre seit dem Kindergarten liegen weit in der Vergangenheit und vermutlich hat sie mich vergessen. Ich wende mich wieder meinem Laptop zu, dessen Bildschirm nun dunkel ist. Ich trinke mein Getränk leer, packe meine Sachen zusammen und stehe auf. Die frische Frühlingsluft entgegnet mir, als ich das Café verlasse, was mich für einen Moment aufmuntert. Schon seit Längerem frage ich mich, warum ich mich an jeden Menschen erinnern kann, während sich niemand an mich erinnert. Bin ich für die Menschen unsichtbar? Die Gedanken wandeln sich zu einem Mantra. «Vielleicht bist du es nicht wert, dass sich jemand an dich erinnert, Julie.», flüstert mir meine innere Stimme zu. Ich laufe zur Busstation. Ich steige in den Bus ein, als er nach einigen Minuten ankommt. Als wäre es mein Schicksal, sehe ich erneut jemanden, an den ich mich ganz genau erinnern kann. Alexandra. Alexandra habe ich letztes Jahr in einer Lesegruppe kennengelernt. Wir unterhielten uns oft über Bücher, die wir lesen wollten. Sie las gerne Krimis, was ich nie über sie vergessen werde, weil es das Erste war, was sie erzählte, als wir uns vorstellen mussten. Sie sieht aus dem Fenster, als sich der Bus wieder in Bewegung setzt. Als könnte sie meinen Blick auf sich spüren, sieht sie mich aus ihren tiefgrünen Augen an. Es fühlt sich an, als würde ihr Blick schon seit Minuten auf mir harren. Für einen Moment denke ich, dass sie mich auch erkennt. Dann dreht sie sich wieder weg. «Wieso erinnere ich mich an jeden?», frage ich mich selbst, als wüsste ich die Antwort auf die Frage. Das Gefühl lässt sich schwer in Worte fassen, aber es ist, als würde ich die Menschen vermissen, denen ich nichts bedeute. Es fühlt sich an, als würde mich das Universum dazu zwingen, mich an Menschen zu erinnern, auch wenn ich mich dagegen wehre. Ein mulmiges Gefühl breitet sich in mir aus. «Lass los, Julie.» Flüstere ich mir selbst zu. Erinnern kann man sich nur, wenn man es wirklich möchte. Diese Menschen wollen sich nicht an mich erinnern und das muss ich akzeptieren. Ich entscheide mich in den Park zu gehen. Die Sonne scheint und keine einzige Wolke ist am blauen Himmel zu sehen. Der Frühling ist meine Lieblingsjahreszeit. Denn im Frühling erwacht alles zum Leben. Mein Lieblingsplatz ist die Bank neben der grossen Weide. Ich setze mich auf die Parkbank und klappe mein Notizbuch auf. Ich versuche meine Gedanken aufzuschreiben, um sie hinter mir zu lassen. Jemand setzt sich wenig später neben mich auf die Parkbank. Ich schenke der Person keine Beachtung und konzentriere mich voll und ganz auf die linierte Seite vor mir, bis ich eine Hand auf meiner Schulter spüre. «Julie?» Erklingt eine vertraute Stimme. Neben mir sitzt ein Mädchen mit einem Buch in der Hand. Ich kenne sie. Und wie ich sie kenne. Isabelle ist ihr Name, damals nannte ich sie jedoch Elle. Sie ging mit mir in die Schule. Wir waren nie enge Freundinnen gewesen, aber wir sassen im Deutschunterricht immer nebeneinander, da wir die Begeisterung fürs Lesen und Schreiben miteinander teilten. In den Pausen lasen wir am liebsten Romane und korrigierten die Stellen, die uns nicht gefielen. «Wie schön dich mal wieder zu sehen.» sagt sie und lockt mich aus meinen Gedanken. «Ja… allerdings bin ich überrascht, dass du mich erkennst…” Sie lächelt verwundert “Weswegen?»
«Weil sich bisher noch niemand an mich erinnert hat.»
«Weisst du, die Menschen, die deine Präsenz geschätzt haben, werden es auch schätzen, an dich zurückzudenken. Du kannst nie wissen, ob sich jemand an dich erinnert.»
«Solang du nicht ihre Gedanken lesen kannst.» fügt sie lächelnd hinzu.
Ich klappe mein Notizbuch zu und widme mich ihr.
«Das… ist schön gesagt.» erwidere ich
«Ich muss jetzt leider weiter, ich habe einen Literaturkurs. Wenn ich dich wiedersehe, werde ich mich an dich erinnern. Besondere Menschen vergisst man nie.»
Das brünette Mädchen steht auf und lächelt, so dass ich das Gefühl habe, dass die Sonne viel heller strahlen würde als sonst. Der Moment erinnert mich daran, dass Elle immer für ihr Lächeln bekannt gewesen war. Ihr Lächeln schätzte ich damals sehr, weil es mich immer aufmuntern konnte. «Die Menschen, die deine Präsenz geschätzt haben, werden es auch schätzen, an dich zurückzudenken.” Durch den Satz wird mir bewusst, dass es schön ist, sich an andere zu erinnern. Der Satz trägt so viel Wahrheit in sich, dass all die Zweifel, die ich bis vor kurzem verspürt habe, in Vergessenheit geraten.
Eine Woche später, als ich meinen Briefkasten öffne, finde ich darin ein Buch, auf dem eine Notiz liegt.
«Ich hoffe, dass du immer noch gerne Romane korrigierst.» An dem Tag kehre ich wieder in den Park zurück, um das Buch dort zu lesen, wo ich Elle wiedergesehen habe. Auch wenn Elle nicht da ist, strahlt die Sonne wie an dem Tag, als ich ihr Lächeln wieder zu schätzen wusste.
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