"Augenkontakt" - Eine Geschichte von Anna Cappelletti - Young Circle

«Augenkontakt» – Eine Geschichte von Anna Cappelletti

Member Stories 2026

«Augenkontakt» – Eine Geschichte von Anna Cappelletti

Mitten auf der Straße liegt ein Mann. Menschen bleiben stehen, schauen zu – doch niemand hilft. In dieser stillen Szene entfaltet sich eine schonungslose Beobachtung über Gleichgültigkeit, Angst und die unsichtbaren Grenzen zwischen „uns“ und „den anderen“.

(Kurzinfo: Das lyrische ich ist fliessend und wechselt die Personenperspektive. Und: Dieser Text ist als Gesellschaftskritik zu lesen!)

Ein Mensch liegt auf dem Asphalt. Ich weiss nicht warum, aber sein Gesicht ist wund, in seinen Augen ist Scham und Angst zu leben, seine Kleidung ist übersät von Schweissflecken und Dreck, der Mann stinkt fürchterlich, käme man ihm näher, müsste man sich die Nase zuhalten, ich halte besser Abstand.

 Die Stadt hat ihn eines Nachts verschluckt. Er ging die Strasse entlang, hatte sich kurz davor von seinen Freunden verabschiedet, und suchte seinen Weg nach Hause. Doch die Strassen waren zu lang und die Lampen zu hell und dann wieder zu dunkel, manche flackerten. Der Gestank von Abgas und Kot stieg ihm in die Nase, vernebelte sein Denken und er wusste nicht mehr, wo er war. Mehrere Male drehte er sich im Kreis, konnte jedoch nicht mehr sein Ziel erkennen. Er vergass seinen Ursprung und das Ziel, selbst seinen sehnlichsten Wunsch empfand er als unsinnig. Nur seine Umgebung war noch Realität; der Beton, die Ratten, der Dreck, der Nachthimmel ohne Sterne, das nächste Strassenschild und das Geschrei von Betrunkenen, Verlorenen und Wehleidigen. Statt Unruhe erfüllte urplötzlich Klarheit sein Herz und er brauchte keine reisserischen Worte, um den anderen verständlich zu machen, was er empfand. Er selbst war das Zeugnis für die Wahrheit, die sich ihm in all dem offenbarte.

Ich war Ein einzelner in der Menge, einer in der kleinen Blase, die sich gebildet hatte, um das Zeugnis zu betrachten. Seine Augen waren voller Leid und der Schmerz, den sein Körper heimsuchte, berührte uns. Doch helfen wollte ich nicht. Für solche Menschen ist jede Hilfe zu spät. Sie werden sterben, wo sie schlafen, im Dreck, bei den Insekten, vielleicht durch eine Überdosis, aber ihr Schicksal ist besiegelt, dies ist doch uns allen bewusst, also schauen wir nur zu. Es ist ein grotesker Film, der uns Umliegende verbindet. Er schafft Trauer und Mitgefühl für den verlorenen Mann. Er kann nicht aufstehen, seine Hände zittern, seine Geräusche verbreiten Unbehagen in den Ohren, machten Angst, lassen uns erschaudern. Man kann ihn nicht verstehen, doch das muss man nicht. Wir wissen schon alle, was er will.

Schaut er in unsere Augen, blicken wir in eine andere Richtung. In den Himmel hinauf, auf eine tote Taube, den kaputten Becher neben ihm, ein Hochhaus in der Nähe, die Tasche, das Handy ohne neue Nachrichten. Wir dürfen seinen Blick nicht erwidern. Es würde eine Verbindung schaffen.

Ich sehe in sein Innerstes und er in meines. Für mich wäre das fatal. Dieser Mann hat nichts zu verlieren. Ich hingegen alles. Er sähe, was mich ausmacht, meinen Stolz, Hochmut, Hass und meine Abneigung. Er würde meine Gründe erkennen, weshalb ich die Nächstenliebe liegen lasse, die Ausreden und Faulheit. Er würde mir klarmachen, dass ich mich nicht sonderlich von ihm unterscheide. Meine Maske würde bröckeln und ganz plötzlich, so kurz der Augenblick auch wäre; ich würde mit ihm Plätze tauschen. Das weiss er und er versucht uns alle herauszufordern. Seine Geräusche schreien fast: «Fordere mich heraus! Du würdest es nie schaffen, ich zu sein, denn ich habe der Welt und den Menschen «Lebe wohl!» gesagt.»

Aber in seiner Rechnung liegt ein zerstörerischer Fehler, denn: ich bin nicht allein. Solche wie mich gibt es zu Tausenden und es muss nur einer die Initiative ergreifen. Nicht ich, aber einer. Er liegt allein da, das getrocknete Blut auf seiner Stirn und der löchrige Schuh, seine tiefen Augenringe, der intensive Alkohol- und Tabakgeruch, der von ihm ausgeht. Das alles ist Teil seines Seins, macht ihn aus, keiner von uns will Teil von so etwas Hässlichem werden.

Möglich, dass die ersten wirklich stehenblieben aus purer Sorge, einem Menschen könne wirklich etwas Tödliches passiert sein. Doch ihre Vorsicht und ihr Misstrauen haben sie zur Zurückhaltung gedrängt und sie gingen ihren Sorgen gerne nach – jemand anderes würde helfen, der Aufwand wäre gerade zu gross und die eigenen Lasten wiegen zu schwer, dachten sie möglicherweise. Zu zwielichtig war seine Erscheinung und die Überwindung zu energieraubend. Die Nächsten, die anhielten waren lediglich neugierig und wieder die nächsten hielten, weil andere schon dastanden und so weiter.

Sein Flehen wird lauter, die Menge der Schaulustigen grösser, bis jemand den entscheidenden Schritt wagt. Er ging weiter. Einfach so. Er schaute auf sein Handy, entfloh jedem Augenkontakt und verliess die Menge. Ich konnte in jedem Gesicht sehen, wie der Groschen von den Augen gefallen war. Keiner ist an diesen Ort noch an das Spektakel oder diesen Mann gebunden. Wie ein Lauffeuer schaltete sich in den Köpfen das Denken wieder ein. Ich bin ein gebildeter Mensch, in der Gesellschaft eingegliedert, ich habe keinen Grund hier stehenzubleiben und dieser Mann wird mich auch nicht hindern, meinen Weg zu gehen. Ich erinnere mich wieder. Ich weiss, wo ich herkomme, und ich kenne mein Ziel und werde nicht länger an diesem Ort verweilen. Ich blicke also in die Sonne und gehe weiter, vorbei an Jenem am Boden. Wie alle anderen auch. Wir gehen alle weiter. Nur jener verweilt an diesem trostlosen Stück Erde.

Seine Klagelaute verstummen, sie haben ihren Sinn verloren, seine Augen haben niemanden erreicht, doch sein Aussehen und Geruch bleiben dieselben, das kann er nicht mehr abschütteln. Er schaut sich um und fragt sich, wie er hier gelandet ist, aber es scheint ihm unmöglich, sich zu erinnern. Nirgends muss er hin und er hat keinen Ursprung.

Das gegenüberliegende Gebäude hält seine Augen für wenige Sekunden gefangen. Es ist aus Glas und er erkennt sich zum ersten Mal seit langem selbst darin. Seine Augen halten ihn gefangen. Er betrachtet sich selbst, sieht in sein Innerstes, sieht seine Angst, die Verzweiflung, den Schmerz und die Hässlichkeit. Er wendet den Blick ab und schaut stattdessen der Sonne entgegen.

Bewertung


                                     

Hier geht’s zu den weiteren Member Stories:

Bewertung