Diesen Satz hörte ich immer und immer wieder. Erstmals als ich meine ersten Schritte ging, dann, als ich lernte zu sprechen und anschliessend, als ich meine ersten Matheprobleme bewältigte. Die Worte waren immer sanft gewesen, aufmunternd und ermutigend. Mir wäre niemals in den Sinn gekommen, dass man die Worte auch so sagen konnte. So, voller Hoffnung und Verzweiflung zugleich. Ich schaute in das Gesicht der jungen Frau, welche diesen Satz gerade in solch verwunderlicher Form von sich gegeben hatte. Sie wollte sich ermutigen, begriff ich. All die Prüfungen, die sie vergeigt hatte, obwohl sie nächtelang gelernt hatte, waren genug, genug dafür, dass sie erst ein halbes Jahr lang studierte. Aller Anfang ist schwer. Aller Anfang ist schwer. Aller… ununterbrochen wiederholte sie die Worte, am Anfang laut doch dann immer ruhiger, bis sie sie schliesslich nur noch murmelte. Dann wurde ihr Gemurmel von Schluchzern unterbrochen. Ich schaute den Tränen nach, die ihre Wangen runterkullerten und ins Wasserbecken vielen. Eine Tür wurde geöffnet, ich drehte mich um, eine Frau betrat das Bad. Als sie mich erblickte, öffnete sich ihr Mund leicht, als würde sie etwas sagen wollen, entschied sich aber dagegen und verschwand stattdessen in der ersten Toilettenkabine. Ich wandte mich von den Toilettenkabinen, welche in einem matten Grünton bestrichen waren, ab, um wieder die Frau von vorhin anzustarren. Diesmal betrachtete ich ihre braunen Haare, welche in den Spitzen etwas dunkler gefärbt waren. Obwohl sie lockig waren, merkte man, dass die Studentin wohl sehr durcheinander sein musste. Ich sah zu, wie sie die Hände hob, um durch ihre Haare zu streichen, ich tat es ihr gleich. Plötzlich erklang eine Stimme hinter mir, eine mir wohlbekannte Stimme: „Du machst es nur noch schlimmer.“ Meine beste Freundin tauchte hinter der verunsicherten Studentin auf, fischte, wie aus dem nichts, einen Kamm aus ihrer Tasche und begann sie zu kämmen. Zuerst schwiegen sie beide, doch nach einer Weile begann Morgan auf ihre Kommilitonin einzureden. „Du schaffst das, Medizin zu studieren war schon immer dein Traum, jetzt aufzugeben wäre sinnlos und vor allem verdammt schade.“ „Nur weil etwas schade ist, heisst das noch lange nicht, dass es auch das Richtige ist es nicht zu tun.“, höre ich mich sagen. Nun schaut Morgan mich direkt an. „Aufzugeben ist nie eine gute Option.“, entgegnet sie. „Aber vielleicht die einzige.“, meine ich darauf. Ich schaue dabei zu, wie die Brunette, geschockt über meine schroffen Worte, die Augen weit aufreisst. „Ich kann dir Nachhilfe geben, Ella, zusammen kriegen wir das hin.“, flüsterte Morgan, als könnte sie dies versprechen. Ich schaute wieder auf die Frau, nun waren ihre Wangen vom Weinen, sowohl als auch von der Wut, welche langsam in ihr hochkroch, gerötet. „Ich will, dass du gehst und mich mit deiner ach so guten weltverbessernden Art in Frieden lässt.“, ich höre ihre Worte und sehe dabei zu wie ihre Lippen sie formen. Ruhig und trotzdem mit einer enormen Bestimmtheit. Ich schaute zu wie Morgan ihre Freundin geschockt und voller Unglauben anstarrte. Wie sie auf ihre Unterlippe biss, sowie sie es schon immer getan hatte, wenn sie unsicher war, was sie als nächstes tun sollte. Sie drehte sich um und verschwand ohne weiteres Wort. Das Knallen der Tür, als sie zufiel, liess mich zusammenzucken. Neid, so konnte man das Gefühl, welches das Gesicht der verzweifelten Studentin zierte, wohl am besten ausdrücken. Sie war immer schlechter gewesen als sie. Und die Nachhilfe, welche ihr angeboten wurde, hatte sie auch nie annehmen wollen. Sie brauchte keine Hilfe, die hatte sie nie gebraucht. Wie schon gesagt: Aller Anfang war schwer. Also würde sie früher oder später nicht mehr am Anfang sein, und dann würde alles gut werden. Ich erschrak als aus einer Toilettenkabine plötzlich eine Stimme drang. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass jemand reingekommen war. „Eifersucht, dies ist Ihr Feind, holder Herr.“ Erst war ich verwirrt, was sollte das? Auch der Frau vor mir war die Verwirrung anzusehen. Doch dann erinnerte ich mich daran, dass heute ja das Theaterstück dar Theater AG war. Da wollte wohl jemand nochmals die Worte durchgehen, welche sie bald auf der grossen Bühne in der Aula verkünden würde. „Und wenn Ihr sie ablegen könnt, dann werdet Ihr erkennen, dass Ihr genauso mächtig seid wie alle anderen Könige und Königinnen, die zu dieser Zeit leben und zu denen vor Ihnen, eure Majestät. Also schliesst Euch un…“ Ich hörte nicht mehr zu, stattdessen schaute ich in das Gesicht der nun einsichtigen Frau. Sie konnte ihre Eifersucht nicht ganz ablegen, dies sah man ihr an, doch sie probierte es. „Und Ella, verstehst du es jetzt.“, fragt Morgan, welche plötzlich wieder hinter ihr steht. „Du hast das Mädchen beauftragt diesen Satz in der Toilette zu üben.“ „Du kennst mich zu gut, aber dies ist nicht das, worauf ich hinauswollte.“ „Ich weiss, du wolltest mir klarmachen, dass es auch Dinge gibt, welche ich besser kann, dass ich nicht neidisch sein muss.“ „Der Neid hat dich geblendet.“, schlussfolgert sie. „Das hat er.“ Eine Weile ist es still im Raum, dann hauche ich: „Ich nehme dein Angebot für Nachhilfe gerne an, wenn es noch steht.“ Als Antwort nimmt Morgan mich in den Arm und flüstert: „Immer. Aber zuerst schauen wir uns das Theaterstück an, okay?“ „Klar, geh du nur schon mal vor, ich komme gleich nach.“, antworte ich. „In Ordnung, ich reserviere uns unsre Lieblingsplätze.“, mit diesen Worten verschwindet Morgan im Flur.
Sie hatte falsch gelegen, dies begriff nun auch die junge Frau. Ein Anfang war schwer, doch es wurde nicht einfacher, sondern, man lernte mit den Gepflogenheiten umzugehen. Nun war ihre Art mit ihnen umzugehen Hilfe zu akzeptieren. Und das war gut so, denn sie konnte dadurch ehrlich behaupten, dass sie den Anfang hinter sich hatte, dass sie sich an die Gepflogenheiten gewöhnt hatte. Ich schaute noch einmal in das nun lächelnde Gesicht der Studentin, welches nun von gepflegten braunen Haaren umgeben war, dank Morgan. Ich schaute in mein Gesicht, dann drehte ich meinem Spiegelbild den Rücken zu.
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