"Alle – ausser ich." - Eine Geschichte von Tracy Jil Miesen-Jung - Young Circle

«Alle – ausser ich.» – Eine Geschichte von Tracy Jil Miesen-Jung

Member Stories 2026

«Alle – ausser ich.» – Eine Geschichte von Tracy Jil Miesen-Jung

Manchmal wirkt alles nach aussen normal – ein Abendessen, Gespräche über den Tag, eine scheinbar perfekte Familie. Doch im Inneren kämpfen Gedanken und Zweifel um ihren Platz. Eine ruhige, ehrliche Geschichte über Selbstzweifel, Erwartungen und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben.

Sie hat recht. Er hat recht. Mom hat recht. Dad hat recht. Alle haben recht…

Warum habe ich immer wieder das Gefühl, dass alle recht haben, ausser ich?

Ich lebe doch. Was wollten sie mehr?

Es war wie jeden Tag: Alle zusammen sassen wir am Esstisch. Mom erzählt: „Heute auf der Arbeit ging es wieder drunter und drüber, viel zu viel zu tun und dieses dämliche Eintippen… immer wieder das Gleiche.“

„Immer wieder das Gleiche…“ Ja, sie hat recht, dachte ich mir. Tag ein, Tag aus lebten wir immer wieder das Gleiche. Ich funktioniere in dieser Gesellschaft und habe das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Ist das normal oder bin ich komisch? Bin ich irre? Gehöre ich hier hin?

Diese Selbstängste quälen mich heute besonders. Das Gefühl, dass meine Familie so perfekt ist, macht mir Angst. Ich gehöre hier nicht hin… nicht als Teil dieser perfekten Familie.

„Meine Kunden konnten sich heute auch nicht entscheiden. Es ist okay, wenn es mal schlechte Tage gibt, sonst wäre das Leben doch langweilig, nicht?“, antwortete mein Vater meiner Mutter bezüglich ihrer Beschwerde.

Mein Kopf lief weiter auf Hochtouren, während ich einfach nur still und angeblich hochkonzentriert mein Essen kaute.

„Sonst wäre das Leben doch langweilig, nicht?“ repetierte ich den Satz meines Vaters in meinen Gedanken.

Ja, er hatte recht. Wie alle immer recht hatten. Das Leben ist eine Achterbahn: Mal ging es hoch, mal ging es tief. Mal sind wir voller Endorphine, mal depressiv und gestresst.

Ich habe keine Angst mehr vor dem Leben. Mit fünfzehn hatte ich Angst vor dem Leben, so viel, dass es für mich fast kein Leben mehr gegeben hätte. Aber das weiss keiner. Das ist nicht gesellschaftlich akzeptabel. Das würden sie nicht gut finden, und sie haben ja recht.

Meine Angst ist zu Respekt geworden, doch ob dies irgendwann zu Sicherheit oder Freude wird, weiss ich nicht.

Wer kann schon behaupten, dass das Leben Freude macht.
                                     

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