Nachdem der Priester seine Predigt mit einem Kreuzzeichen beendet hatte, erhob sich der Kinderchor, um Ave Verum von Mozart anzustimmen. Die Kirchenfenster reflektierten das Licht der Morgensonne und gaben die Farben der Glasmalereien wieder. In der zweiten Reihe sass Alexander, dessen Kopf zum Boden gesenkt war. Sichtlich verärgert biss er sich ungeduldig die Fingernägel wund. Denn laut seinen Eltern hatte Alexander gesündigt und müsste nun dafür büssen. Daher würde er neben den vielen Sozialstunden auch regelmässig in die Kirche gehen müssen.
Der Chorgesang dröhnte unerträglich in seinen Ohren und fühlte sich für ihn wie der Akt eines Exorzismus an. Schliesslich verachtete er die Kirche und ihren Glauben. Er hatte keinerlei Bezug zu Gott und war überzeugt, dass jeder, der behauptete, einen zu haben, lügen würde. Die Religion war für ihn ein von Menschen erdachtes Konzept, das schwachen Menschen Hoffnung spenden sollte. Da er sich selbst nie als schwach empfand und seine Hoffnung stets aus sich selbst schöpfte, sah er keinen Mehrwert im Glauben. Man könnte ihn auch Alexander den Grossen nennen, denn den Stolz dazu hatte er. Und wenn wir schon über die alte griechische Mythologie sprechen, dann hatte jeder starke Krieger, auch Achilles, einen Schwachpunkt. Denn Alexanders „Achillesferse“ war seine Rücksichtslosigkeit und Impulsivität, deren Konsequenz nun diesen Gottesdienst trug.
Das Leiden fand ein Ende, als sich der Priester beim Kinderchor herzlich bedankte und anschliessend verkündete, dass seine Erstgeborene dieses Mal die Eucharistie durchführen würde. Also trat Eva in ihrer weissen Albe hervor und nahm ihrem Vater den Wein und das Brot entgegen. Alexanders Gesicht verzog sich leicht, als wäre er von der Sonne geblendet. Es war Eva, bei deren Anblick er seinen eigenen Augen nicht traute. Von ihrer Schönheit überwältigt, blickte er sie starr an. Eva war engelsgleich, ihre hellbraunen Haare schienen in der Morgensonne blond. Sie war klein und zierlich, obwohl sie gerade achtzehn geworden ist. Die Anwesenden bildeten vor Eva eine Reihe und kosteten nacheinander vom Brot und Wein, was das Leib und Blut Christi abbildete. Alexander blieb als Einziger sitzen; er wusste, dass ihm das keine Probleme bereiten würde, denn das Verkosten war freiwillig. Und da die Reihe vor Eva seine Sicht zu ihr verdeckte, senkte er seinen Kopf wieder gelangweilt zu Boden. Nach einigen Minuten häuften sich die Anwesenden wieder auf ihren Plätzen, und die Reihe löste sich auf. Allerdings beendete Eva die Eucharistie nicht, sondern schritt den Korridor entlang direkt auf Alexander zu. „Möchtest du nicht kosten, Bruder?“, fragte sie ihn liebevoll, aber mit der Annahme, dass er keinen Widerstand leisten würde. Noch bevor er antworten konnte, forderte sie ihn auf, sich auf die Knieleiste niederzulassen. Er war zu gross, als dass sie ihm den Wein zum Mund führen konnte. Ohne Weiteres kam er ihren Forderungen nach und kniete vor ihr hin. Mit ihrer Hand hob sie sein Kinn an und presste ihm den Kelch gegen die Lippen. Ein roter Tropfen Wein entwich ihm und zog eine Spur an seinem Mundwinkel entlang. Sie säuberte ihn mit ihrem weissen Gewand, das nun mit der Farbe des Weins getränkt war. Sie hielt ihm zum Abschluss den Korb mit dem Brot entgegen und schenkte ihm ein warmes Lächeln. Die Eucharistie war nun vorbei, und der Priester beendete den Gottesdienst mit einem Schlusssegen. Er fügte ausserdem noch hinzu, dass die Beichtkabinen für die nächsten paar Stunden für alle geöffnet seien.
Alexander erweckte den Anschein, den Saal verlassen zu wollen, als er plötzlich sah, wie Eva die Aufgabe ihres Vaters übernahm und in eine Beichtkabine stieg. Er lief ihr nach und trat auf die andere Seite. Er schloss die Tür der Kabine. Sie sahen sich nicht, denn es lag eine Trennwand zwischen ihnen. Abgesehen von den Schlupflöchern, die für die Sauerstoffzufuhr gedacht waren, drang kein Licht ein. Nur die Silhouette des eigenen Abbilds gab sich zu erkennen. Er wusste, dass sie ihn nicht wiedererkennen könnte, denn sie hatte ihn noch nie reden hören. „Gottes Gnade sei mit dir, was möchtest du mir beichten?“, fragte ihn Eva. Er entgegnete fade: „Ich habe gesündigt, Schwester.“ „Niemand lebt sündenfrei. Im ersten Brief des Johannes, Kapitel 1, Vers 9, steht: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.” Bekenne dich deiner Schuld, Bruder, und bitte Gott um Gnade, so wird er auch dir verzeihen.“ Alexander fand ihre Worte lächerlich, doch vergnügte sich an ihrer Passion. „Ich habe die erste, und wie der katholische Katechismus behauptet, die schlimmste Todsünde begangen.“ „Superbia also, den Hochmut! Was hast du getan, Bruder?“, wollte sie wissen. Er hielt kurz inne und antwortete daraufhin bestimmt: „Ich hatte lange Finger und stahl gelegentlich den Schmuck alter Damen. Das tat ich aus reiner List. Wie man so schön sagt: „Hochmut kommt vor dem Fall“, denn ich glaubte, unantastbar zu sein.“ „Das siebte Gebot: „Du sollst nicht stehlen.“ So steht es in den heiligen Schriften.“ Plötzlich unterbrach er sie hastig und gestand, noch eine Sünde begangen zu haben, eine, die er anscheinend nicht bereuen wollte. „Ich kenne ein Mädchen, sie ist engelsgleich, rein und unschuldig. Nichtsdestotrotz verführt sie mich zur Lust.“ Er schob die Trennwand nur so weit zur Seite, dass ein schmaler Spalt offenblieb, und streckte seine Hände hindurch. “Sie meinten doch eben, dass niemand sündefrei ist. Wie ist es mit Ihnen, Eva? Die Tochter des Priesters.“ Er griff nach ihren Händen. Und wie die erste Eva der Versuchung erlag und in den Apfel biss, konnte auch diese Eva nicht widerstehen. Die Neugierde war zu gross, auch sie wollte liebkosen. Sie redete sich ein, dass Gott ihr vergeben würde, wenn sie ihn nach Vergeltung bittet. Also erwiderte sie, mit dem Wissen, ihrem Drang und der von Alexanders erhofften Antwort nachzugehen, Folgendes: „Auch die Tochter eines Priesters sündigt.“ Alexander vernahm nun das, wonach er sich gesehnt hatte. So schob er die Trennwand nun ganz zur Seite und vollendete, was er bereits begonnen hatte: die Verführung eines Engels.
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