"Christmas without you" - Eine Geschichte von Céline Wyss - Young Circle

«Christmas without you» – Eine Geschichte von Céline Wyss

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«Christmas without you» – Eine Geschichte von Céline Wyss

Zwischen verschneiten Strassen und warmen Lichtern kehrt sie an einen Ort voller Erinnerungen zurück. Doch zwischen Schmerz und Verlust begegnet sie etwas, das alles verändert: einem leisen Moment voller Hoffnung. Eine Geschichte über Trauer, Liebe und den Mut, das Licht wieder zuzulassen.

Die leisen Schneeflocken bahnen sich einen Weg zu den Dächern der Häuser und den Köpfen der Menschen um mich herum. Der vertraute Geruch von Zimt und Tannennadeln steigt mir in die Nase, als ich wieder inmitten dieser Stadt stehe. Unserer Stadt. Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert: Miss Courtneys Bücherladen empfängt seine Kunden immer noch an der Ecke neben dem Park und auch der grosse Weihnachtsbaum, den sie jedes Jahr aufstellen, präsentiert seine Lichter in der Mitte des Marktplatzes. Der Baum, vor dem wir jedes Jahr ein Foto von uns haben machen lassen, um es neben das letzte ins Album zu kleben. Der Bücher-laden, in dem wir gemeinsam in andere Welten geflüchtet sind, wenn wir es in der realen nicht mehr ausgehalten haben. Hier warten so viele Erinnerungen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht erneut an ihnen zerbrechen werde. Ja, diese Stadt ist unser Zuhause gewesen, hier habe ich meine ersten Schritte gemacht, mit ihren warmen Fingern als Rettungsring, um nicht doch unterzugehen. Hier haben wir all diese Momente erlebt, bei denen wir sicher waren, dass wir sie nie vergessen würden. Hier waren wir eine Familie. Doch neben den warmen Erinnerungen machen sich auch Hass und Trauer in meinem Herzen breit. Dunkle und gleichzeitig brennende Gefühle. Denn diese Stadt hat mich nicht nur die schönen Momente erleben lassen. Sie hat uns zerrissen. Sie hat ihr das Leben genommen. Und ich weiss bis heute nicht, ob ich jemals damit klarkommen werde, dass meine letzten Worte nicht Ich liebe dich gewesen waren. Ich ihr nicht gezeigt habe, was für ein Segen sie für mich war. Weil ich es nicht verstanden habe. Ich dachte, alles sei schlecht, und habe dadurch das Gute nicht mehr gesehen. Erneut blicke ich zum grossen Baum vor mir, die warmen Lichter verschwimmen zu einem Meer aus goldenen Punkten, die vor meinen Augen zu tanzen scheinen. Plötzlich spüre ich einen leichten Druck auf meiner Schulter. Ich blinzle und drehe den Kopf in die entsprech-ende Richtung. Vor mir steht eine schätzungsweise Mitte vierzig-jährige Frau mit voluminösen Haaren, die im dämmrigen Licht einen roten Schimmer auf sich tragen. Um ihre Augen, welche von einem bunt gestreiften Brillengestell umrahmt werden, haben sich kleine Fältchen gebildet und die Spitzen ihres roten Ponys verdecken beinahe ihre Augenbrauen. Die Frau sagt nichts, lächelt mich nur an. Ihre Hand ruht immer noch auf meiner Schulter und der liebevolle Ausdruck in ihrem Sein… er kommt mir bekannt vor. Vor meinem inneren Auge verwandeln sich die roten Haare in hellbraune, die Brille wird zu Haut, der Blick trifft mich mitten ins Herz.

«Mum», wispere ich, die Stimme heiser von der Stille zuvor. Sie strahlt mich nur an, ein Funke von Stolz macht sich in ihren Augen breit. Ich will ihr sagen, wie sehr ich sie liebe, dass ich sie vermisse, dass sie alles für mich ist. Doch sie entfernt sich, verschwimmt vor meinen Augen, braune Strähnen werden wieder zu roten.

«Sorry, was?», frage ich die Dame vor mir, in der Hoffnung, dass sie gerade wirklich etwas gesagt hat. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wird beinahe noch breiter.

«Ich wollte Ihnen nur sagen: Sie sind so unfassbar geliebt. Vergessen Sie das nicht, ja?» Ihre in einen Handschuh gepackte Hand lässt von meiner Schulter ab, zieht einen kleinen Zettel aus ihrer Manteltasche und streckt ihn mir hin. Etwas zögerlich nehme ich das Stück Papier entgegen, verwirrt von ihrem ganzen Auftreten. Sie verstärkt ihr Lächeln zum letzten Mal, dreht sich um und verschwindet im Meer aus Lichtern und den wild darin tanzenden Schneeflocken. Erst als ich den salzigen Geschmack in meinem Mundwinkel wahrnehme, bemerke ich, dass sich immer mehr Tränen aus meinen Augen lösen. Mit dem Handrücken wische ich sie weg und falte den Zettel auseinander. Die geschwungene Handschrift hebt sich vom hellen Papier ab.

«Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.»

– Johannes 8,12

Die Worte verschwimmen zunehmend vor meinen Augen, als sich die Tränen wieder verstärken. Ich blinzle sie weg, wechsle zwischen warmen Lichtern und schwarzer Leere. Leere. Wie in meinem Innern. Ich fühle mich so leer, seit Mum weg ist. Und ja, ich will dieses Licht haben, aber wie? Ich schliesse die Augen erneut, ein bisschen länger diesmal, und atme tief durch. Dann blinzle ich wieder, lasse den Schein der Lämpchen in mich hinein. In meinem Kopf macht es Klick. Nur die Augen öffnen und dem Licht erlauben, hereinzukommen. Das ist es. Denn so, wie Mum mich vorhin angesehen hat, würde sie wollen, dass ich glücklich bin, oder? Aber, kann ich das noch sein? Ich weiss es nicht. Aber vielleicht, nur vielleicht, kann dieses Weihnachten der Beginn von etwas Neuem werden. Wenn ich das Licht zulasse. Immer und immer wieder neu. Ich blicke mich erneut in der Stadt um, die Stadt, die mir alles gegeben und auch wieder genommen hat. Überall laufen Menschen durch die verschneiten Strassen, lachen, umarmen sich. Funkelnde Lichter tanzen über all dem Trubel und wieder sticht mir der Buchladen ins Auge, von dessen Schaufenster ebenfalls eine gemütliche Wärme ausgeht. In diesem Moment, ganz für mich, in der Stille entscheide ich mich für diese Wärme, dieses Licht, diese Freude. Und kaum merklich huscht mir dabei ein Lächeln über die Lippen. Das erste ehrliche Lächeln seit Jahren.
                                     

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