"psittacus" - Eine Geschichte von Jahel Gähler - Young Circle

«psittacus» – Eine Geschichte von Jahel Gähler

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«psittacus» – Eine Geschichte von Jahel Gähler

Als Novas neuer Mitbewohner Rocky einzieht, ist sofort klar: Das wird Ärger geben. Während Nova von dem neuen «Freund» begeistert ist, geht er dem Erzähler mit jedem Tag mehr auf die Nerven. Rocky beteiligt sich weder an Miete noch Haushalt – und scheint trotzdem immer mehr Platz im Leben der beiden einzunehmen. Jetzt bleibt nur noch eine Frage: Wie wird man einen nervigen Mitbewohner los, ohne Nova das Herz zu brechen?

Ich muss einen Weg finden, ihn loszuwerden. Und das möglichst so, dass es Nova nicht das Herz bricht. Das habe ich vom ersten Moment an gewusst, als sie ihn mir vorstellte, wohlwissend, dass sie gehandelt hatte, ohne mich zu fragen. Mit der Stimme eines Dauererkälteten verkündete unser neuer Mitbewohner enthusiastisch: «Nennt mich Rocky!» Selbstverständlich wehrte ich mich gegen seinen Einzug, ich bin schliesslich nicht auf den Mund gefallen. Allerdings erbrachten sogar vernünftige Argumente, wie dass wir keinen Platz für Rocky hätten und ich ganz sicher nicht mein Zimmer mit ihm teilen würde, keinen Erfolg. Zwar gefiel auch Nova der Gedanke nicht, ihr Schlafgemach in naher Zukunft nicht mehr für sich selbst zu haben, aber sie beschloss schnell, dass er uns im Wohnzimmer nicht stören würde, weil wir uns da ohnehin kaum aufhielten. Also zog Rocky ins Wohnzimmer ein und ich gab mich vorerst geschlagen. Nova prophezeite mir, Rocky und ich würden uns nach einiger Zeit bestimmt grossartig verstehen, aber bisher ist das ausgeblieben. Nun wohnt er schon fast zwei Monate hier und geht mir mit jedem Tag mehr auf die Nerven. Es ist nicht nur seine krächzende Stimme, sondern auch die Art wie er offensichtlich die Musik geniesst, die ich gerade abspiele. Ich werfe ihm einen finsteren Blick zu. Ich will nicht, dass er hier irgendetwas geniesst.

Rocky murmelt Worte vor sich hin, die ich glücklicherweise nicht verstehe, denn sonst hätte ich ihm antworten müssen, damit er nicht für die nächsten Tage beleidigt ist und jegliches Essen verschmäht. Dies würde wiederum Nova in Sorge stürzen, was ich nicht ertragen kann. Im Übrigen wirkt Rocky nicht so, als hätte er eine Ahnung, was er von sich gibt. Es ist kein vernünftiges Gespräch mit ihm zu führen, auch wenn Nova das behauptet. Vielmehr plappert alles nach, was er gerade aufschnappt. Doch was habe auch anderes erwartet? Nova mag es schliesslich, wenn ihr nach dem Mund geredet wird und Rocky macht das hervorragend. Zahlen muss er ausserdem nichts, noch immer übernehme ich eine Hälfte der Miete, während Nova die andere abdrückt. Er erledigt keinen Wocheneinkauf, räumt nicht die Spülmaschine aus und auf die Idee, das Badezimmer zu putzen, käme er ebenfalls nie. Inzwischen brodelt in mir der Ärger und verlangt immer drängender nach einem Ventil.

Der Gipfel der Sache ist allerdings, dass Nova vor einigen Tagen mit einem verträumten Ausdruck auf dem Gesicht verkündete, dass Rocky ihr bester Freund sei, was mich, wenn ich ehrlich bin, doch ein bisschen kränkte. Ich glaube allerdings nicht, dass er dasselbe gegenüber ihr fühlt, wie auch?

Er hält sich wohl eher gerne in ihrer Anwesenheit auf, weil er auf ihre Kekse aus ist. Zugegebenermassen ist das ein nachvollziehbarer Grund, doch sein Dasein erklärt dies nicht. Und wenn wir schon von Keksen sprechen, seine Essmanieren sind grauenhaft. Aber wenn ich mich wie so oft über ihn beschwere, nimmt Nova ihn in Schutz und flunkert sogar, sie wäre das mit den Kekskrümeln gewesen. Er lässt das gewähren, seine Augen glubschen hinterlistig in meine Richtung und er stösst ein Geräusch aus, dass sich eindeutig schadenfroh anhört.

Ich hasse alles an diesem Vogel.

Ich hasse, wie er sein unerträglich hübsches Federgewand geräuschvoll rascheln lässt und dabei vorwitzig herumhüpft.

Ich hasse, wie wichtig er sich aufplustert, bevor er mich nachäfft und seine dunklen Augen triumphierend blitzen, wenn sein Krächzen Nova ein Lachen entlockt.

Aber vor allem hasse ich, dass Nova mich in ihrem Entscheid einfach übergangen hat, als sie vor zwei Monaten mit seinem Käfig in der Hand und einem Strahlen im Gesicht in meinem Zimmer stand. Ich muss wirklich einen Weg finden, ihn loszuwerden.


                                     

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