"KENENLEHRNEN OHNE WIEDERKEHR" - Eine Geschichte von Stella Lehmann - Young Circle

«KENENLEHRNEN OHNE WIEDERKEHR» – Eine Geschichte von Stella Lehmann

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«KENENLEHRNEN OHNE WIEDERKEHR» – Eine Geschichte von Stella Lehmann

Nach einem scheinbar zufälligen Kennenlernen entwickelt sich zwischen Sophie und Sasha schnell eine besondere Verbindung. Doch ein romantischer Abend nimmt eine dunkle Wendung, als ein bewaffneter Mann aus Sashas Vergangenheit auftaucht und eine alte Schuld einfordert. In einem einzigen Moment zerbricht die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Ich schloss die Tür auf und trat ein. Die Anspannung des Tages fiel von mir ab. Ich schmiss mir die Reste Pizzareis von gestern in die Mikrowelle und stellte drei Minuten ein. Genug Zeit, um mich in bequeme Klamotten zu werfen.

Ich lief in mein Zimmer und suchte in dem Kleiderhaufen, der sich in der Ecke langsam zu einem Monstrum entwickelte, meine Pyjamahose und das durchlöcherte Shirt heraus und schlüpfte hinein.

Das Piepen rief mich in die Küche zurück. Ich nahm den Teller und setzte mich an den Tisch. Gerade führte ich die erste gut beladene Gabel an den Mund, als ein herrisches Miau ertönte. Ich blickte hinunter und sah Tiramisu, der mich genervt anstarrte.

„Na komm“, sagte ich und klopfte auf meinen Schoß.

Mit einem gekonnten Satz sprang er hoch und machte sich breit, als wäre er der stille Herr unserer Dreizimmerwohnung.

An meinem freien Tag ging ich einkaufen. Im Supermarkt griff ich gleichzeitig mit einem Fremden nach der letzten Packung Kaffee.

„Oh, bitte.“ Er zog die Hand zurück.

„Großzügig.“

„Ich hätte auch gekämpft.“

Er grinste und verschwand.

Vier Tage später stand er hinter mir beim Bäcker.

„Wir müssen aufhören, uns so zufällig zu treffen“, sagte er.

„Sie verfolgen mich nicht etwa wegen des Kaffees?“

„Ein wenig.“

Wir lachten.

Zwei Wochen später als ich aus der Poststelle trat, lief er direkt in mich hinein.

„Also gut“, sagte er. „Drittes Mal. Das ist Schicksal. Auf jeden Fall lade ich dich ins Sultan ein. 18 Uhr.“

Bevor ich etwas sagen konnte, war er schon verschwunden.

Am Abend stand ich skeptisch vor dem Restaurant und betrachtete den leuchtenden Neonschriftzug.

„Auch schon da?“

Ich fuhr herum.

„Wie darf ich dich nennen?“

„Sophie.“

„Schöner Name. Ich bin Sasha.“

Sein Blick blieb einen Moment zu lange an meiner Halskette hängen.

„Schöne Kette“, sagte er schließlich.

„Danke. Ist ein Geschenk meines Vaters.“

„Dein Vater hat Geschmack“, sagte er.

Der Kellner wies uns einen Zweiertisch zu. Kaum saßen wir, fragte ich:

„Und was machst du so?“

„Ich studiere.“

„Ach? Die männlichen Unarten?“

Er grinste. „Nein, die weibliche Anziehungskraft.“

Moment, machte mich der Typ gerade an?

„Ernsthaft?“

„Geschichte.“

„Welche Epoche?“

„Kommt auf die Gesellschaft an“, sagte er. „Und du?“

„Floristin.“

„Das passt.“

„Wie meinen?“

„Du bringst die Dinge zum Blühen.“

Ich verdrehte die Augen.

„Schlecht, aber effektiv.“

„Was macht dein Vater so?“

„Er lebt nicht mehr.“

Für einen Moment wurde Sasha still.

Was interessiert ihn eigentlich mein Vater?

Er blies eine seiner hellbraunen Haarsträhnen aus dem Gesicht und seine grünen Augen blitzten schelmisch. Er war süß, das musste ich zugeben.

Wir redeten noch lange. Bis das Restaurant sich leerte.

Draußen blieb er stehen. Die Luft zwischen uns knisterte. Er sah mir in die Augen. Unsere Lippen näherten sich langsam.

Kurz davor hielt er inne.

„Darf ich dich küssen?“

Ich nickte.

Der Kuss war warm, vorsichtig, aber auch fordernd.

Plötzlich hielt er inne. Sein Blick glitt über meine Schulter.

„Was ist?“

„Nichts.“

Doch in seinem Blick lag Nervosität. Ich wollte mich umdrehen, doch er zog mich erneut in einen Kuss.

„Was war los?“, fragte ich zwischen zwei Atemzügen.

„Nichts. Ich zeige dir meinen Lieblingsplatz“, flüsterte er.

Er führte mich zum Auto, hielt mir die Tür auf und wartete, bis ich saß. Kaum angeschnallt, fuhr er los.

Ich sah in den Rückspiegel und sah nichts. Doch da! War da nicht gerade noch die Silhouette einer Person gewesen?

Wir stiegen an einem Aussichtspunkt aus.

„Schön hier, nicht?“, fragte er mit einem angespannten Lachen.

Ich nickte nur.

Der halbvolle Mond warf schwaches Licht auf den verlassenen Aussichtspunkt. Wir sahen schweigend auf die Lichter der Stadt. Die kühle Nachtluft ließ mich frösteln.

Sasha sah kurz auf sein Handy und steckte es sofort wieder weg.

„Alles okay?“, fragte ich.

„Ja … klar.“

Doch seine Schultern wirkten angespannt, als würde ihn etwas quälen.

„Habt ihr euch endlich satt gesehen?“

Die Stimme kam aus der Dunkelheit.

Ich fuhr erschrocken herum.

Hinter uns stand ein Mann. Ende dreißig, groß, ungepflegt und tätowiert. Eine Pistole locker in der Hand.

Sasha trat einen Schritt vor.

„Lass sie in Ruhe.“

„Du weißt, was ich will“, sagte der Mann.

„Sasha, wer ist das?“

Er kannte ihn offenbar. Er öffnete den Mund, doch er schwieg.

„Ich war der Zellengenosse deines Vaters“, sagte der Mann.

Sein Blick blieb auf meiner Halskette hängen.

„Die Kette. Gib sie mir.“

„Warum?“, fragte ich.

Er trat näher.

„Gib schon her. Oder soll ich deinen Lover umlegen?“

„Nein!“, sagte ich.

„Gib sie ihm“, sagte Sasha kaum hörbar.

Ich schaute Sasha ungläubig an.

„Tja, ich habe deinen Schönling beim Taschendiebspielen erwischt. Also musste er den Lockvogel spielen.“

Meine Finger zitterten, als ich die Kette abnahm.

„Na los, schlag keine Wurzeln. Bring sie mir“, sagte der Mann.

Ich lief, die Hände erhoben, langsam auf ihn zu und streckte ihm die Halskette entgegen. Blitzschnell griff er danach.

Langsam ging ich zurück, während er die Halskette mit gierigem Blick untersuchte.

Seine Augen blitzten hell auf. Anscheinend hatte er gefunden, was er suchte.

Er blickte triumphierend zu Sasha, der immer noch stumm dastand. In seinen Augen lagen Schuld und Wut. Wut, die sich gegen unser Gegenüber richtete.

„Sorry, Sasha, aber du hättest es besser wissen müssen“, sagte er mit einem gespielt mitleidigen Blick.

Er trat einen Schritt zurück, hob die Pistole und schoss.

Ich stockte.

Mein Blick glitt nach unten.

Die Zeit schien stillzustehen.

Warmes Blut quoll aus meiner Brust. Ich sackte zu Boden.

„Neeein!“, schrie Sasha.

Verschwommen sah ich, wie ein Kampf ausbrach. Ein zweiter Schuss. Dann – Stille.

Eine Stille, die sich wie ein Leben anfühlte.

Dann tauchte Sasha über mir auf.

„Nein … nein … nein“, schrie er.

Er versuchte, die Blutung zu stoppen.

„Es sollte nicht so weit kommen. Bleib bei mir“, flüsterte er.

Beinahe ein Befehl, eine Hoffnung, an der er sich festklammerte.

Er nahm mich in die Arme und wiegte mich sanft.

Sirenen heulten in der Ferne.

Ich wollte etwas sagen. Letzte Worte. Doch es gelang mir nicht.

Die Kälte nahm mich immer mehr ein.

Mit allerletzter Kraft sagte ich:

„Ist es jetzt vorbei? Ist das… das Ende?“


                                     

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