Ich rannte. Schnell. Vor etwa zehn Minuten hatte ich Schule ausgehabt. Leider hatte ich den Bus gerade so verpasst. Also musste ich den Weg, den ich normalerweise mit dem Bus zurücklegte, rennen, um den Zug zu erwischen. Schweiss lief mir in die Augen und brannte dort. Meine Beine wurden müde, weshalb ich meinen Schritt verlangsamte. Einen Blick auf mein Handy werfend stellte ich fest, dass ich noch gut in der Zeit lag. Ein Motorgeräusch wurde lauter hinter mir. Wundernd drehte ich mich um. Ein weißer Lieferwagen näherte sich mir. Normalerweise fuhren keine Autos auf dieser Straße. Die Fenster waren getönt, sodass ich nicht ins Innere blicken konnte. Mit einem unguten Gefühl rannte ich weiter. Als der Wagen auf meiner Höhe war, bremste er mit quietschenden Reifen abrupt ab. Die Wagentür wurden von innen aufgerissen, zwei starke Arme zerrten mich ins Innere. Dort wurde mir blitzschnell ein Sack über den Kopf gestülpt und die Hände mit Kabelbindern hinter dem Rücken gefesselt. Der Plastik grub sich schmerzhaft in meine Haut. Es roch muffelig im Wagen. Gedämpft nahm ich Stimmen um mich herum wahr. Anfangs versuchte ich die Kurven im Kopf mitzugehen, gab dies jedoch nach einer Weile auf, da wir zu oft abbogen und ich nicht mehr wusste, wie die Straßen hier verliefen. Nach einer Weile hielten wir. Mein Kopf schlug gegen eine Wand, da ich nicht auf diesen Halt gefasst war. Ich stöhnte schmerzvoll auf. „Klappe!“, rief eine herrische Frauenstimme. Taumelnd verließe ich den Wagen. Hinter mir ging eine Person, die mich in die Richtung schon, in welche ich gehen sollte. Widerwillig folgte ich ihren Anweisungen, da ich ziemlich Angst bekam. Ich wusste, dass mein Vater viel Geld hatte. Ich nahm an, dass die Lösungsgeld von ihm wollten, wer die sein könnte, wusste ich aber nicht. Oft wurde ich vor so einer Situation gewarnt, hatte aber nie in betracht gezogen, dass sie auch eintreffen könnte. Das bereute ich nun. „Schneller!“, schnauzte dieselbe Stimme von vorhin. Sie kam von schräg vorne. Ich gehorchte. Nach wenigen Minuten blieben wir stehen. Ich hörte, wie sich eine Tür öffnete. Mir stieg ein verfaulter Geruch in die Nase, als wir hindurchtraten. Wir gingen einen Gang entlang. Wieder öffnete sich eine Tür. Ich wurde hindurchgestossen, hinter uns wurde die Tür verriegelt. Grob wurde mir der Sack vom Kopf gerissen. Das plötzliche helle Licht blendete mich und ich musste ein paar mal blinzeln, bevor ich genaueres erkennen konnte. Wir standen mitten in einem grell beleuchteten Raum. Auf dem Boden lag eine hässliche Matratze und in der einen Ecke stand ein Eimer. Sonst gab es nichts, keine Fenster, keine zweite Tür, nichts. Zum ersten Mal konnte ich erkennen, wer mich überhaupt entführt hatte. Neben mir stand nur eine Frau, Mitte vierzig. Sie verlies den Raum und lies mich alleine. Zuerst unschlüssig, was ich nun tun sollte, blieb ich eine weile verloren an der Stelle stehen, an der ich zurückgelassen wurde. Eigentlich wäre ich mittlerweile vermutlich am Hausaufgaben machen gewesen. Ich setzte mich schlussendlich auf die Matratze, auch wenn sie in mir anfangest Ekel erregte. Ich war ziemlich erschöpft, konnte mir aber nicht vorstellen an einem so unsicheren Ort wie diesem hier einzuschlafen. Ich verlor mit der Zeit jegliches Zeitgefühl. Keine Ahnung, ob es schon Abend war oder vielleicht schon Nacht. Die Neonröhren an der Decke leuchteten immer gleich hell. Nach einer halben Ewigkeit kam ein junger Mann herein. Er hielt die Zeitung von heute in der rechten Hand. Mit der Linken versuchte er etwas ungeschickt ein Tablett mit Essen zu balancieren. Erst als ich das Essen sah, merkte ich wie hungrig ich eigentlich war. Er stellte das Tablett vor mir auf den Boden. Darauf waren mehrere mit Fleisch und Käse belegte Brötchen. Auch ein Glas Wasser war darauf. „Halte die Zeitung so vor dich hin, dass man dein Gesicht noch gut erkennen kann.“, befahl er mir. Wieder gehorchte ich. Er machte ein Foto und verließ den Raum. Nun war ich wieder alleine. Die Zeitung hatte er leider wieder mitgenommen. Dieses Foto würde nun wahrscheinlich an meine Eltern geschickt werden, die voller Sorge auf Anweisungen der Entführer warten würden. Bei dem Gedanken an meine Eltern stiegen Schuldgefühle in mir auf. Wie konnte ich mich bloß entführen lassen. Ich legte mich hin, um etwas zu schlafen, konnte aber kein Auge zu tun. Die Zeit verging unendlich langsam. Anfand der Mahlzeiten ging ich davon aus, dass nun schon mindestens zwei Tage vergangen waren. Was wurde hier gespielt? Wird euch überhaupt noch freigelassen werden? Warum hatten meine Eltern nicht schon lange bezahlt? Mit jedem Augenblick verließ mich die Hoffnung etwas mehr, bis sie nicht mehr da war. Es war sterbenslangweilig. Als ich endlich mal wieder etwas schlafen konnte, wurde die Tür ruckartig aufgerissen. Ich schreckte hoch, doch als ich sah, dass es die Polizei war, fing ich vor Erleichterung an zu schluchzen. Ich wollte Antworten und versuchte den Polizisten auszufragen, stammelte aber nur wirres Zeug. Da ich so lange mit niemandem gesprochen habe, war meine Stimme etwas eingerostet. Der Polizist beruhigte mich und meinte ich solle mich erst einmal erholen und dann würde ich alles erfahren. Als wir aus dem Gebäude traten, standen mehrere Polizeiautos und ein Krankenwagen auf dem Platz. Mein Vater stand bereit und schloss mich in seine Arme, als ich bei ihm war. Ich wurde ins Spital gefahren und einer Untersuchung unterzogen, um zu sehen ob mir etwas fehlte. Nach ein paar Stunden kam derselbe Polizist zu mir und begann zu erklären: „Wass ich dir jetzt sage könnte viel sein, aber du hast das Recht es zu erfahren. Du wurdest von deiner Mutter entführt, anscheinend war sie nicht mehr glücklich mit deinem Vater und wollte Geld von ihm, da sie aber nie offiziell geheiratet hatten, hatte sie kein Recht auf sein Geld. Sie ist jetzt festgenommen und hat bereits gestanden. Du kannst nach Hause gehen und wirst bei deinem Vater weiterleben können.“
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