"In den Wolken" - Eine Geschichte von Luana Kuster - Young Circle

«In den Wolken» – Eine Geschichte von Luana Kuster

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«In den Wolken» – Eine Geschichte von Luana Kuster

Für ihn waren die Wolken immer mehr als nur Wolken – sie waren ein Tor, ein Zufluchtsort vor Spott, Schmerz und Einsamkeit. Jahrelang lebte er in seiner eigenen Welt aus Träumen und Mauern. Doch erst als er den Mut findet, diese Mauern einzureissen, beginnt er zu verstehen, dass Heilung möglich ist – auch ausserhalb der Wolken.

Blinzelnd schaut er in den Himmel. Er liegt ausgestreckt auf einer Wiese, das weiche Gras unter ihm. Die Blätter der Bäume um ihn herum rauschen leise im sanften Wind und das Sonnenlicht wärmt sein Gesicht. Schäfchenwolken gleiten über den Himmel. Es gibt grosse, kleine, schlanke und runde Wolken, die gemächlich über den Himmel ziehen. Durch den Wind verändern sie sich, bilden Figuren und Formen, die bedeutungslos sind, wenn sie nicht durch irgendjemandes Fantasie zum Leben erweckt werden. Es ist, als beginnen die Wolken zu atmen, sobald er sie betrachtet. Als hiessen sie ihn mit ihren Verformungen willkommen und als würden sie ihn einladen, zu ihnen zu kommen, in eine andere Welt.

Denn das sind die Wolken für ihn, ein Tor. Ein Tor zu einer anderen Welt, das sich genau dann öffnet, wenn er es braucht. Oftmals spielt das Wetter nicht mit, dann sind die Wolken entweder in einer einheitlichen grauen Masse oder gar nicht zu sehen. An jenen Tagen sind seine Träume farblos und grau, als hätte sie jemand mit dem Bleistift gezeichnet. Doch an Tagen wie diesem holt der Künstler seine besten Pinsel raus und zeichnet das farbenfroheste, knalligste Bild, das er je gesehen hat. Durch die Wolken werden die Träume lebendig.

Lebendiger als das Leben.

Das Leben, vor dem er sich so lange versteckt hat. Er hat lediglich existiert. Selten hat er die Freude gefühlt, die ihm seine Träume stets versprochen haben. Nur den Schmerz, der so wenig ein Thema in seinen Träumen gewesen ist. Denn mit dem Schmerz kommen die Erinnerungen zurück.

Erinnerungen an das Vergangene.

Erinnerungen an das höhnische Gelächter.

Die spöttischen Kommentare.

Die Demütigungen.

Er hat es ertragen. Immer und immer wieder ist er in die Träume geflüchtet, zu den Wolken. Immer und immer wieder hat er seine Klasse ausgeblendet und ist in einen tranceartigen Zustand gefallen. Immer und immer wieder hat er seine Hoffnungen in die Lehrer gesetzt. Und immer und immer wieder hat er zusehen müssen, wie diese den Blick abgewendet haben.

Dadurch hat er das Vertrauen in die Menschen verloren. Die Mauern um ihn herum hat er immer höher gebaut, niemand ist mehr zu ihm durchgedrungen. In seiner Festung hat ihn niemand verletzen können, da drin hat er die Erniedrigungen kommentarlos ertragen können, während er Stein um Stein seine Mauern vergrössert hat. Doch während die Mauern kilometerweit in den Himmel geragt sind, hat er trotzdem noch eine Sache sehen können: Die Wolken.

Die Zeit ist vergangen, in seinem tranceartigen Zustand hat er Tag um Tag in dieser Klasse überstanden. Irgendwann hat er die Klasse gewechselt. Neue Leute haben ihn umgeben, nette, freundliche Leute. Doch seine Mauern sind zu gross geworden. Er hat sie nicht einreissen können, die Steine haben zu gut gehalten. Also ist er in seinem steinernen Gefängnis geblieben. Er weiss noch, dass er es nie als ein Gefängnis betrachtet hat, als die Mauern ihn noch geschützt haben. Doch nun haben sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen müssen, sie sind nur noch hinderlich gewesen. Sie haben ihn eingeschlossen und ihn von den anderen abgeschottet. Nichts ist mehr zu ihm durchgedrungen, keine Herzlichkeit, keine Liebe oder Freundlichkeit. Nur das Gefühl der Einsamkeit ist langsam durch den dunklen Stein gesickert.

Die Einsamkeit ist besser als die ständige Furcht gewesen. Da er niemanden an sich herangelassen hat, hat auch niemand weiter Wunden schlagen können. Niemand hat ihn so noch mehr verletzen können.

Niemand. Nie wieder.

Doch er hat nicht gemerkt, dass er eine Art von Schmerz in eine andere umgewandelt hat. Und deshalb sind die Träume geblieben. Auch als es niemanden mehr gegeben hat, der noch mehr Wunden hätte schlagen können, hat er mehr Zeit in seiner eigenen Welt verbracht als in der Realität. Er hat sich immer noch nach den Wolken gesehnt, die ihn vergessen lassen. Und die Wolken sind gekommen.

Seit der Einsamkeit hat er den Abschluss gemacht und zu studieren begonnen. Wieder ist er in ein neues Umfeld gekommen und hat sich neu orientieren müssen. Wieder hat er neue Leute kennengelernt. Doch diese Leute sind anders gewesen. Sie haben ihn nicht übergangen, sie haben ihn nicht ignoriert oder beschimpft. Sie haben ihn gesehen. Sie haben ihm zugehört und ihn respektiert. Dadurch hat er sich geöffnet und den Mut gefunden, seine Mauern einzureissen. Zuerst ist es schmerzhaft gewesen, als seine Wunden entblösst wurden. Es hat gebrannt, gepocht und geziept, doch es ist eine andere Art von Schmerz gewesen. Es ist der Schmerz der Heilung gewesen. Und langsam, ganz langsam, hat sich die Wunde in seinem Herzen geschlossen. Ganz langsam ist die Lücke, die seit Jahren in ihm existiert hat, gefüllt worden.

Mit Selbstvertrauen.

Doch obwohl es ihm so viel besser geht, sehnt er sich nach den Wolken. Das Verlangen ist bei weitem nicht so gross, wie es mal war, doch die Wolken werden ihn wahrscheinlich nie mehr ganz loslassen.

                                     

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