"Wie man 25 km/h verlernt" - Eine Geschichte von Belén Martínez - Young Circle

«Wie man 25 km/h verlernt» – Eine Geschichte von Belén Martínez

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«Wie man 25 km/h verlernt» – Eine Geschichte von Belén Martínez

Manchmal reicht ein Moment, ein Ort oder ein Lichtstrahl, um alte Erinnerungen wieder hervorzuholen. Während eines Spaziergangs wird Belén plötzlich mit einer schwierigen Zeit aus ihrer Vergangenheit konfrontiert. Eine ehrliche Geschichte über Angst, Durchhalten und den Weg zurück ins Leben.

Hallo, ich bin Belén,13,und mir ist mal etwas Ähnliches passiert, wie in diesem Text. Es geht um das Danach einer Phase.


Es ist zwar schon etwas länger her, aber ich kann mich in meinem Verhältnis trotzdem noch erstaunlich gut daran erinnern (der Beweis, dass ich alt werde) fast schon, als wäre es gestern erst geschehen. Ich ging wie fast alle Tage mit meiner Hündin Flor spazieren. Es war ein Donnerstag und an diesem Donnerstag fiel Deutsch aus (wie den Rest der Woche). Deswegen war ich schon gegen 14 Uhr am Spazieren, was wegen der schlechten Verbindungen und meines platzenden Stundenplans ein Luxus ist. Es ist meistens genauso wie an diesem Donnerstag das Erste, was ich mache, wenn ich zu Hause ankomme. Ich nahm meine Kopfhörer mit. Obwohl ich liebend gerne Musik höre (was verständlich ist, wenn man bedenkt, wie viel Zeit ich allein verbringe), nehme ich dafür zu selten meine Kopfhörer mit. Ich bin eben zu faul, um sie aufzuladen, oder ich vergesse es zumindest. Meine Kopfhörer hatten aber bis zu diesem Donnerstag überlebt, so ca. mit 5% Akku. Ich freute mich trotzdem, setzte sie auf meinen Kopf, leinte Flor an, tat die Schlüssel und mein Handy in die Hosentasche, ging raus und fragte mich, welche Playlist anmachen sollte.  Ich verabschiedete mich von niemandem, weil, naja, es auch niemand da war, zum Ciao-Sagen. Ehrlich gesagt, fand ich es auch besser so.

Wir gingen los und liefen durch die Einbahnstrasse. Dann bogen wir rechts ab, so wie immer. Der Weg ist schon Gewohnheit, denn links sind die „vielen“ Autos, vor denen Flor Angst hat. Ungefähr in der Mitte des Weges fiel mir auf, dass das Wetter schön war und sogar die Sonne schien. Wahrscheinlich lag das daran, dass vor kurzem Mittag gewesen war. Normalerweise verpasse ich das gute Wetter, weil ich so lange in diesem öden Klassenzimmer sitze. Das Licht schien auf das Gras, so sehr, dass das Grün regelrecht strahlte. Bis jetzt war es fast immer dunkel gewesen, finster, Winter halt. Doch jetzt wurde sogar die mickrige Einbahnstrasse erleuchtet, die sich über fast das ganze Dorf zieht. Der Boden wurde heller und der Himmel blau.(Sonst bekam ich nur die Farben Grau, Weiss oder Schwarz zu Gesicht.) Die Intensität des Blaus bei weitem nicht an das Grün kam. Es gab endlich Licht, Licht im „Raum“, man roch es sogar. Das Dorf sah nun aus, wie es für mich früher immer aussah. Dieser bunte Ort, den ich im Sommer zum letzten Mal sah, war wieder da oder besser gesagt, ich war wieder dort. Und glaubt mir, ich wollte nicht zurückkehren, zumindest nicht so bald. Es fühlte sich wie ein Traum an, nur, dass ich mir dessen bewusst  war, was passierte. Ich war wieder in diesem Ort.

Und plötzlich war ich wieder das Mädchen, welches  vor Angst nicht mehr atmen konnte. Ich war wieder das Mädchen, welches niemanden davon erzählen konnte. Von etwas, was mich nicht schlafen liess, was mich mein Leben nicht geniessen liess. Mit der Zeit, wurde ich komisch oder cringe. Kein Wunder, denn bei dem, was geschah, konnte ich nicht normal funktionieren.Ich war wieder das Mädchen, das nicht verstanden wurde. Ich war wieder das Mädchen, das sich in den Toiletten versteckte, um zu weinen. Ich war wieder das Mädchen, das keine Pausen hatte, egal wo ich war. Ich war das Mädchen, das nie lächelte. Ich war das Mädchen, das die Schule schwänzte. Nicht, weil ich die Schule nicht mochte, sondern weil es mir so sehr zu schaffen machte, dass mir die Schule egal war. Wenn ich da war, dann zitterten meine Beine immer unter meinem Tisch, ich zitterte auch sonst die ganze Zeit. Ich konnte mich deswegen an manchen Tagen regelrecht nicht konzentrieren. Ich war das Mädchen, dem niemand zuhören wollte. Ich war das Mädchen, das ziemlich jedem egal war. Sodass ich mir selber egal wurde. Ich war das Mädchen, das gebrochen wurde und anschliessend ganz tief in den Müll geworfen wurde, ich war kaputt, so extrem kaputt, dass ich manchmal gar nicht wusste, wie ich mich wie ein normales Mädchen benehmen sollte. Ich war das Mädchen, der Erwachsene Konditionen stellten, von denen sie wussten, dass  ich sie nicht erfüllen konnte. Ich war das Mädchen mit der “grössten“ Ausdauer (und damit meine ich nicht etwas wie rennen). Denn ich habe mich fünf Jahre durch mein Leben durchgekämpft. Fünf Jahre wurden mir “weggenommen“ und nicht irgendwelche fünf Jahre, wie 75-80, sondern 5 Jahre meiner Kindheit, fünf prägende Jahre…

Plötzlich höre ich ein Klicken, ich öffne die Tür.  Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich weitergelaufen bin, das nennt man Muskelgedächniss. Ich trat ein. Eigentlich, wäre ich gerne länger geblieben. Ich war nur kurz dort und doch war es so intensiv gewesen. Ich leinte Flor ab und verräumte das Geschirr. Danach setzte ich mich und fing an darüber nachzudenken, was ich erlebt hatte: Ich habe noch nicht damit abgeschlossen und ich habe mich immer noch nicht davon erholt. Aber wie denn auch? Wenn man in einem Wettrennen 25 km/h rennt und manche Gegner und Leute aus dem Publikum anfangen dich mit Kieselsteinchen anzuwerfen, dann stört es einen wohl kaum und du wirfst nicht zurück, denn man kann immer noch seine 25 km/h rennen. Und dann merkt man gar nicht, wie die winzig kleinen Kieselsteine zu moderaten Steinen werden, bis dann der erste Fels kommt und man ausweichen muss, vielleicht läuft man dann nur noch 20 km/h. Deswegen ruft man  die anderen Wettläufer, die Zuschauer oder den Schiedsrichter. Doch niemand sieht die Steine, oder alle so tun, als ob sie sie nicht sehen würden. Aber was ist, wenn die Felsen immer grösser werden, bis sie zu Bergen werden und du weder den Himmel noch die Rennbahn siehst? Dann rennst du nur noch 10 km/h. Irgendwann vergisst du, wie die Rennbahn war, vielleicht sogar, dass es eine gab. Jetzt sind meine Felsen weg, aber wie soll ich je wieder 25 km/h rennen? Nicht nur das, wie soll ich mein Ziel von 30 km/h je erreichen können?
                                     

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