"Die vergessene Krone" - Eine Geschichte von Yasmin Wildenhain - Young Circle

«Die vergessene Krone» – Eine Geschichte von Yasmin Wildenhain

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«Die vergessene Krone» – Eine Geschichte von Yasmin Wildenhain

Sie weiss nicht, wer sie ist.
Doch der Wald kennt ihren Namen.
Ein mystisches Abenteuer über verlorene Erinnerungen, verborgene Identität und eine Wahrheit, die gefährlicher ist als die Dunkelheit.

Sie schlug die Augen auf und helles Licht blendete sie. Sie versuchte, sich zu bewegen, doch ihre Glieder waren wie aus Stein. Blinzelnd versuchte sie, etwas zu erkennen, und nach und nach wurden aus dem Licht Umrisse erkennbar. Sie befand sich in einem Wald, genauer gesagt auf einer Lichtung in einem Wald. Dem langsamen Plätschern nach befand sich in der Nähe ein Bach. Das war ihr Glück, denn die Starre löste sich allmählich und ihre Kehle begann nach Wasser zu lechzen. Sie versuchte sich auf den Bauch zu drehen, damit sie zu dem kleinen Fluss robben und etwas Wasser trinken konnte. Nach mehreren Misserfolgen gelang es ihr schliesslich und sie begann, Wasser aus dem Bach zu schöpfen. Nach mehreren Händen voll Wasser und mit klarerem Kopf sah sie sich um.

Sie befand sich tatsächlich auf einer Lichtung. Um sie herum standen unzählige Laubbäume, und dem Stand der Sonne nach zu urteilen, war es schon nach Mittag. Sie versuchte, sich zu orientieren, doch sie wusste weder, wo sie sich befand, noch wie sie hierhergekommen war. Sie versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war, musste jedoch feststellen, dass sie sich an nichts erinnern konnte, ausser einem Gefühl von Unsicherheit und Angst. Daraus schloss sie, dass sie sicher nicht freiwillig hier war. Sie ging zu einem der Laubbäume und lief um ihn herum. Sie suchte nach Moos, denn so, das wusste sie, würde sie wissen, wo Norden war. Das war schon eine Ironie des Schicksals. Sie konnte sich nicht einmal an ihren Namen erinnern, doch wo Norden war? Kein Problem. Mit wütenden Schritten lief sie in Richtung Süden.

Die kahl werdenden Bäume verrieten den nahenden Winter, und sie wusste, dass sie ihm nicht zum Opfer fallen wollte. Mehrere Minuten lang ging sie stur geradeaus und achtete sorgfältig auf Bewegungen und Geräusche, die nicht in einen Wald gehörten. Und da hörte sie es. Links von ihr war Gelächter zu hören. Sie schlich sich näher und achtete darauf, keine Geräusche zu machen. Hinter einem Busch blieb sie schliesslich stehen und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Ganz langsam streckte sie ihren Kopf hinter dem Busch hervor, doch… da war niemand. Sie konnte schwören, dass das Gelächter von hier gekommen war, doch auf der kleinen Lichtung war ausser einem Felsen und zwei Raben nichts und niemand zu sehen. Als sie sich dem Felsen näherte, schreckten die beiden Vögel auf und flatterten in den Himmel hinauf. Enttäuscht liess sie sich auf den Felsen sinken und raufte sich die Haare. Die Chancen standen 50 zu 50, ob das Gelächter von gut oder schlechtgesinnten Menschen gekommen war. Selbst wenn es schlechte Menschen gewesen wären, wüsste sie wenigstens, dass sie nicht allein in diesem Wald war. Seufzend stand sie wieder auf und machte sich weiter auf Richtung Süden.

Mittlerweile waren schon mehrere Stunden vergangen und ihre Beine wurden langsam müde und ihr Magen knurrte unablässig. Sie griff in ihre Tasche und kramte ein paar Beeren und Nüsse hervor, die sie gefunden hatte. Sie liess sich mit dem Rücken gegen einen Baum sinken. Es knackte, sie verlor den Halt und fiel rückwärts einen Hang hinab. Sie überschlug sich mehrmals, schrie und landete schliesslich auf dem Rücken. Sie stöhnte und mühte sich damit ab, gleichmässig zu atmen. Als sie nicht mehr das Gefühl hatte, hier und jetzt zu ersticken, setzte sie sich langsam auf und sah sich um. Sie war sicher vier Meter gefallen und war auf einem Dreckweg gelandet. Vorsichtig stand sie auf und folgte dem Weg einige Meter um eine Kurve. Sie war froh, dass sie, wie es schien, einem von Menschen gemachten Weg folgen konnte. Aus dem Augenwinkel blendete sie etwas strahlend Weisses. Sie drehte sich ganz in diese Richtung um und erkannte ein Papier mit Schrift und einem Bild darauf. Auf dem Bild war eine schöne junge Frau mit blonden Locken, grünen Augen und sanften Lippen zu sehen. Darüber stand: „GESUCHT: PRINZESSIN OPHELIA ALEXANDRA VON LUMINDELLA“. In kleiner Schrift stand darunter, dass man sie lebend ins Schloss bringen sollte und dass es eine stattliche Summe Geld als Belohnung gab. Irgendetwas klingelte in ihrem Gehirn, als sie das Bild anschaute, doch bevor sie den Gedanken fassen konnte, verflog er wieder. Der Boden bebte, und eine Kutsche, die von einem Pferd gezogen wurde, bog um die Ecke. Schnell versuchte sie sich hinter einem Baum zu verstecken, doch es war bereits zu spät, denn der Kutscher hatte sie bereits gesehen. Die Kutsche hielt vor ihr an, und der Kutscher fragte: „Was tust du hier so allein im Wald, Mädchen? Wo ist deine Begleitung?“ Sein Blick fiel auf das Plakat von Prinzessin Ophelia. Schnell blickte er ihr noch einmal ins Gesicht, riss die Augen auf und sprach hastig weiter, bevor sie auf seine Fragen antworten konnte: „Ist auch egal. Komm mit, ich bringe dich… ähm, in den Palast. Dort … eh, findest du sicher, was du suchst.“ Er sah nervös über seine Schulter. Der Kutscher stieg von seinem Bock und reichte ihr die Hand. Da sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, nahm sie seine Hand und liess sich von ihm auf die Kutsche helfen. Sie setzte sich so bequem, wie möglich ins Stroh, und kurz darauf ruckelte die Kutsche auch schon los. Sie war erschöpft, daher dauerte es auch nicht lange, bis ihr die Augen zufielen.

Als sie die Augen öffnete und sich umdrehte, erkannte sie vor sich einen riesigen Palast mit Dutzenden kleinen Türmchen und unzähligen Fenstern. Mit rauer Stimme erkundigte sie sich, ob das der Palast sei, von dem er gesprochen hatte. „Sehen Sie hier sonst noch einen Palast, Eure Ho… Ich meine… wie sagtest du, dass du heisst?“

„Ich heisse… Evren. Ja, genau, ich bin Evren“, log sie und verfluchte sich für ihr Zögern. Es dauerte nicht lange, und sie kamen am Palast an. Die Wachen neben dem Tor überkreuzten ihre Speere und fragten: „Sie wünschen?“

Der Kutscher deutete auf Evren und sprach: „Ich bringe Ihnen Prinzessin Ophelia Alexandra von Lumindella.“

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