Tick-Tack.
Tick-Tack.
Tick-Tack.
Der Ton des Sekundenzeigers brennt sich in mein Gehirn wie ein Brandmal. Ich starre bewegungslos auf die runde Uhr. Sie ist genauso schlicht wie der Rest des Zimmers. Die Zeiger sind schwarz, die Zahlen ebenfalls, der Rahmen silbern, der Hintergrund weiss.
Mit jeder Sekunde, die vergeht, verliere ich Zeit.
Früher wusste ich nicht, wie wertvoll Zeit ist. Wie sich das Leben im Bruchteil einer Sekunde ändern kann, und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war.
Ich löse meinen Blick von der Uhr und schaue mich im Zimmer um. Es ist ein ganz normales Wartezimmer eines Krankenhauses. So farblos wie die Seele jedes Menschen, die dieses Wartezimmer betritt. So traurig, so grau. Als würde es den kleinen Hoffnungsschimmer, den ich noch habe, auslöschen wollen.
Mein Blick schweift über die unbequemen Stühle gegenüber von mir. Niemand sitzt dort, ich bin allein im Wartezimmer. Mein Blick schweift weiter zu dem gläsernen Tisch in der Mitte des Raumes, worauf sich verschiedene Zeitschriften und Zeitungen befinden. Meine Sicht ist verschwommen, ich kann nicht entziffern, was sie sagen.
Ich blinzle die Tränen aus meinen Augen.
Es ist noch nicht zu spät. Bis die Ärztin aus dem Raum kommt, ist noch nichts entschieden.
Wie automatisch zieht es meinen Blick zu der halboffenen Tür am Ende des Raumes, als sich dieser Gedanke bildet. Ich höre, wie die Ärzte leise miteinander flüstern. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, und ob es gute oder schlechte Neuigkeiten sind.
Es fühlt sich an, als würde jemand meinen Kopf unter Wasser drücken. Ich höre nichts, ich sehe nichts, ich verliere den Sinn für Raum und Zeit.
Ich starre auf den steinernen Boden. Er hat leichte Risse. Wie viele Tränen wohl in diesen Rissen versickert sind? Tränen von Menschen wie mir, die hier drinnen die schlimmsten, schrecklichsten Nachrichten ihres Lebens bekommen. Menschen wie ich, die nie dachten, dass sie jemals hier sein würden.
Dass ihnen so etwas passieren könnte. Das passiert doch sowieso nur im Film, denkt man sich. Und plötzlich ist es real. Aus dem nichts, ohne Warnung. Ohne Trost. Ohne Hoffnung.
Ich höre die Tür knarzen und hebe meinen Blick.
Die Ärztin steht da, mit ihrem Block in den Händen. Sie schreibt etwas auf das Papier, dann wendet sich ihr Blick mir zu. Ich versuche, ihren Blick zu deuten, doch er ist undurchschaubar.
Dann schüttelt sie langsam den Kopf.
Und ich falle zusammen.
Meine Gedanken drehen sich, meine Emotionen überschlagen sich, ich habe das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ich kann kein Wort sagen, ich nicke nur, meine zitternden Hände klammern sich an den Stuhllehnen fest.
Das kann nicht echt sein.
Das darf nicht echt sein.
Es ist nur ein schrecklicher Albtraum.
» Sie hat noch etwa 5 Minuten. Wenn Sie sich verabschieden möchten, dann machen Sie dies jetzt. «
Ich höre die Stimme der Ärztin nur dumpf in meinen Ohren.
Ich sage kein Wort.
Die Ärztin läuft an mir vorbei, streicht mir leicht über die Schulter, doch ich spüre ihre Berührung kaum. Ich fühle mich wie in einer Hülle, einer Blase, die niemand durchdringen kann. Nur ich und meine Gedanken. Die Berührung prallt an mir ab wie ein Regentropfen an einem Regenschirm.
Die Ärztin verlässt den Raum.
Mein Leben rast an mir vorbei wie ein Film. Ich sehe meine Kindheit, meine Schule, meine Freunde, meine Familie, und ich sehe sie.
Sie, die mein Leben auf jede erdenkliche Weise gerettet hat. Sie, die immer für mich da war, wenn ich es am meisten brauchte. Sie, die alles liegen gelassen hätte, um mir zu helfen. Sie, die nun in diesem Krankenzimmer liegt.
Das Licht, das sie in die Welt gebracht hat, erlischt langsam mit ihr.
Sie war wie die Sonne. Und nun fühlt es sich an wie der letzte Sonnenuntergang, und danach kommt eine tiefschwarze, eiskalte Nacht, aus der ich nie wieder entfliehen kann.
Nicht ohne sie.
Ich weiss, sie würde wollen, dass ich reingehe. Dass ich mich verabschiede. Und ich weiss, ich werde es ein Leben lang bereuen, wenn ich es nicht tue, und sie allein lasse.
Doch ich kann nicht.
Ich kann mich nicht verabschieden, denn das macht es echt.
Und ich kann das nicht erleben.
Ich will es nicht.
Ich will mir das Leben ohne sie nicht vorstellen, denn es gibt für mich kein Leben ohne sie.
Ich starre auf die Uhr.
Tick-Tack.
Tick-Tack.
Wie eine Zeitbombe erklingt das Geräusch immer und immer wieder, als würde es mir die Wichtigkeit dieser Entscheidung klarmachen wollen.
Ich kann mich nicht entscheiden.
Bilder aus meiner Vergangenheit tauchen vor meinem Auge auf, immer und immer wieder. Ich schaue auf meine Hände, sie zittern wie verrückt. Sie verschwimmen vor meinen Augen, als sich die Tränen wieder sammeln.
Und dieses Mal lasse ich sie fallen.
Eine nach der anderen rollt über meine Wange, und ich lasse mein Gesicht in meine Hände fallen. Ein unkontrollierbarer Schluchzer entfährt mir, mein Körper zittert wie wahnsinnig unter der Last, die auf meinen Schultern liegt.
Schuld kommt in mir auf.
Noch mehr Bilder von früher.
Schuld, weil ich sie allein lasse.
Bilder, wie sie mir sagt, dass sie mich nie allein lassen wird.
Schuld, weil ich nur an mich denke.
Bilder, wie sie mich in ihren Armen hält.
Schuld, weil es hier nicht um mich geht, sondern um sie.
Bilder, wie sie lacht.
Schuld.
Mein Blick wandert wieder zu der halboffenen Tür.
Dann zu der Tür, die nach draussen führt, raus aus diesem schrecklichen Albtraum.
Dann wieder zu der halboffenen Tür.
Hin und her.
Ich höre das Geräusch der Herzmonitore.
Noch eine Minute, und sie werden verstummen.
Ich höre das Geräusch ihrer Atemzüge.
Noch eine Minute, und sie wird ihren letzten nehmen.
Ich zwinge mich, aufzustehen.
Mit zitternden Beinen mache ich einen Schritt nach dem anderen.
Ich greife nach der Türklinke.
Höre noch einmal die Herzmonitore. Einen schrillen, lauten, anhaltenden Warnton aus der Ferne.
Ich nehme einen tiefen Atemzug, mit dem Wissen, dass sie gerade ihren letzten genommen hat.
Dann fällt die Tür ins Schloss.
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